Am vergangen Samstag war es soweit! Die Brevet-Saison 2018 wurde eröffnet. Die warmen Temperaturen, die zunehmende Beliebtheit der Radlangstrecken und die Aussicht auf einen Startplatz in Paris 2019 lockten am Wochenende über 100 Starter nach Bennewitz. Insgesamt wurden die Randonneure in vier Startgruppen auf die 200 Kilometer lange Strecke geschickt. Die Route war mir nicht unbekannt. Es handelte sich um eine Neuauflage meines allerersten Brevets, das ich 2014 mit Toni gefahren bin. Diesmal war ich zwar allein angereist, aber man kennt sich ja mittlerweile. Die für ein Brevet ja fast schon Sprintdistanz eignet sich hervorragend, um etwas an sich und Fahrrad zu experimentieren. So habe ich mein Stahlross Barbara von dem etwas klumpigen Brooks B17 befreit und ihr ein schnittigeres aus Kohlefaser gefertigtes Hinterteil  aus gleichem Hause spendiert. Ich hatte zwar so meine Bedenken, dass der C13 so seine anfänglichen Probleme bereiten würde. Allerdings blieb er über die gesamte Strecke überaus bequem. Besonders auf den Kopfsteinpflasterpassagen, die uns Olaf spendiert hatte, fühlte er sich fast weich an.

Ein weiteres Novum für mich war das Essen aus der Pulle. Ich hatte in letzter Zeit dieses Gemisch aus Gels, Müslis, Bananen und Bockis von der Tanke einfach satt. Es endete immer mit einem brennenden Gaumen oder Magenproblemen oder beidem nach der Ausfahrt (im besten Fall danach). Jetzt habe ich mich an einer Ernährungsvariante probiert, die auch viele Eisenmänner auf ihren langen Strecken nutzen. Man schütte eine an individuelle Bedürfnisse angepasste Menge Maisstärke und Traubenzucker in seine Trinkflaschen und führe damit seinem Körper kontinuierlich Energie zu. Die Kunst besteht wohl darin, die für sich funktionierende Rezeptur herauszufinden. Aber auch das klappte erstaunlich gut. Ich hatte keinen Augenblick auf der Tour das Gefühl gleich einen Hungerast zu bekommen. Nicht so selbstverständlich für die erste richtige Tour der Saison.

Ich ließ es aber auch etwas ruhiger angehen und reihte mich zu Beginn hinten in der Startgruppe ein. Das Tempo auf den ersten Kilometern war sehr moderat, so dass bald ein paar Randonneure vorn aus der Gruppe fuhren. Bis zur zweiten Kontrollzange bei Kilometer 48 blieb ein größerer Verband zusammen. Dann gab es jedoch ein paar Unstimmigkeiten über die Route, bzw. konnte keiner die Kontrollzange am Straßenrand entdecken. Ich beschloss, ein Selfie mit dem Ortsschild sollte genügen und folgte weiter dem Track auf dem Navi. Während die Gruppe sich noch nicht einig wurde, wo lang es ging, schloss sich mir nur ein einziger Randonneur an. Nach ein, zwei Kilometern drehte ich mich um und sah … niemanden!

Ich schaute auf mein Navi und befand mich genau auf dem Track. Bei bestem Radfahrwetter (Sonnenschein und 20°c) rollte es jetzt einfach richtig gut! Immer wieder blickte ich mich nach hinten um, in der Erwartung die Gruppe müsse gleich auftauchen, schließlich war es absolut flach. Aber da war niemand. Immer noch zeigte mir das Navi den richtigen Track an. In Kriebstein kurz vor der ersten richtigen Kontrollstelle traf ich auf einen Fahrer, der gerade von der Kontrolle zurückkam. Der Weg sei richtig und den Stempel gebe es im Museum. Kurz vor der Burg kam mir noch Björn Lenhard entgegen. Wer ihn nicht kennt, der lese hier. Im Museum holte ich dann den Stempel und fragte bei der Gelegenheit, wie viele Fahrer denn schon durchgekommen seien? – „Na du bist der Dritte.“ Ok, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Als ich gerade wieder aufs Rad stieg, rollte dann die Gruppe ein. Ich startete dennoch schon mal, um im Rhythmus zu bleiben. Nach Gegenwind und ein paar schönen Olaf-Anstiegen bemerkte ich, dass mein Sattelstütze langsam immer tiefer rutschte. Ich dachte zwar, das bilde ich mir nur ein, aber nein. Meine Knie verrieten mir bald, dass sich meine Sitzposition geändert haben musste. Ich hielt an, um das Werkzeug aus meiner Tasche kramen. Während ich Barbaras neues Hinterteil wieder in Position brachte, kam die Gruppe vorbei gerollt. Ich war allerdings nicht schnell genug wieder abfahrbereit, so dass ich nicht auf den Zug aufspringen konnte. Bis Kohren-Sahlis ging es dann wieder allein weiter. In dem Dorfgasthof, in dem ich mit Toni vor vier Jahren eine Schnitzelpause eingelegt hatte, beschloss ich mir ein alkoholfreies Weizen zu bestellen. Als die Dame hinter dem Tresen mir mitteilte , dass es das leider nicht gebe, hätte es keiner weiteren Worte bedurft. Sie konnte es in meinem Gesicht ablesen. Dann halt ein Richtiges 😉

Fünf Minuten später saß ich wieder gestärkt im Sattel und ein paar Kilometer später erreichte ich die mittlerweile etwas ausgedünnte Gruppe vor mir wieder . Von da an fuhren wir gemeinsam über Pegau durch die Tagebaulandschaft über Neukieritzsch zurück nach Bennewitz. Dank netter Gespräche verflogen die Kilometer nur so. Kurz vor 17:00 Uhr holten wir uns den letzten Stempel und schlossen das erste Brevet 2018 in 8,5 Stunden erfolgreich ab.

Nächstes Wochenende geht es dann mit der Radlausick-Crew and Friends von Leipzig via Dresden nach Prag. Das ist dann mein persönlicher 300er (Ohne deutsche ARA-Wertung, aber mit tschechischem Bier).