Normalerweise sollte es eine schöne Ausfahrt im Mai werden. Was es wurde, glich ein wenig einer Tortur. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Am Vortag des 300km-Brevets hatte ich vorbildlich zwei Nudelmahlzeiten gegessen und bin sogar verhältnismäßig zeitig im Bett verschwunden. Nach dem Aufstehen dann doch bereits der erste Fehler. Ein Brötchen mit Honig ist trotz kohlenhydratreicher Nahrung am Vortag nicht ausreichend, wenn man zu einem Brevet aufbricht. Gemeinsam mit Toni und Benedikt hatten wir uns für die zweite Startgruppe eingetragen. Für uns war klar, dass wir kein Rennen fahren würden und mit Sicherheit nicht vor Einbruch der Dunkelheit ankommen würden.

Als sich 8:40 Uhr die unsere Gruppe von Randonneuren in die Pedalen klickte, war schnell klar, dass hier wieder sportlich ambitionierte am Werk waren, die das Tempo bestimmten. Die ersten Kilometer rollte ich mit, ohne dass ich mich überanstrengt fühlte. Das änderte sich allerdings sehr bald. Ich bemerkte auf einmal, wie meine Beine sehr schwach wurden. Selbst im Windschatten konnte ich das Tempo der Gruppe nicht mehr mitgehen. Toni verstand das rechtzeitig und gab Benedikt bescheid, der bereits weiter vorn Anschluss gefunden hatte. Daraufhin klinkten wir uns aus der Gruppe aus.

Für uns stand fest, zusammenzubleiben und sich nach dem schwächsten Glied zu richten – und das war nun mal ich. Nach einer kurzen Pause und einem Frühstück, kam ich langsam in den Tritt, auch wenn es sich immer noch schwerfällig anfühlte. Der stetige Gegenwind tat sein Übriges. Auf den nächsten 50 Kilometern trafen wir an den Kontrollstellen noch vereinzelt andere Randonneure, aber bald waren wir abgehangen und auf weiter Strecke allein. Für mich war das Brevet zu diesem Zeitpunkt eine harte Probe, da meine Beine mit jedem Kilometer schwerer wurden und wir noch lange nicht die halbe Strecke hinter uns hatten.

Einem kurzen Moment der Unkonzentriertheit ist es geschuldet, dass ich in einem Kreisverkehr, die Straßenbreiten mit meiner Ellenlänge vermessen habe. Die gelgepolsterten Handschuhe fangen meine Hände vor dem blanken Asphalt ab. Die Prellungen an Knie und Schulter spüre ich erst am nächsten Tag in ihrer Gänze. Nachdem der Schock verdaut ist, inspizieren wir mein Rad. Bis auf eine spürbare Acht im Hinterrad alles ok. Fahrradmechaniker Toni hatte zum Glück einen Nippelspanner dabei. Es konnte also weitergehen! Wachgerüttelt durch den Sturz fand ich langsam so etwas wie einen Rhythmus.

Nach 200km takteten wir nun unsere Pausen kürzer und kamen spürbar voran. Als wir Pouch erreichten, war es bereits dunkel. Nur noch 40km – und dann kam der Regen. Wir hielten an einem Unterstand, um abzuwarten. Aber nach einer halben Stunde waren wir uns einig, dass es sich nicht um einen kurzen Schauer handelte. Im Scheinwerferlicht der vorbeifahrenden Autos zeichneten sich die Bindfäden ab, die vom Himmel herab fielen. Eingepackt in Regenklamotten spulte ich die letzten 40km wie in Trance vab. Nach dem „nass sein“ kam das „egal sein“. Wir hatten nur noch ein Ziel vor Augen: Warmes Dosensoljanka in der Bennewitzer Turnhalle. Kurz nach Mitternacht erreichten wir bei anhaltendem Regen das Ziel.

Das nächste Brevet geht über 400 Kilometer und startet am 7. Juni. Wir freuen uns drauf!