Als ich letzten Freitag zum 600er-Brevet anreiste, hatte ich ein gutes Bauchgefühl. Sowohl die Wetterprognose (heiß), als auch das Höhenprofil (schön bergig) ließen mich voller Vorfreude in den Zug nach Bennewitz steigen. Im Gegensatz zur letzten Auflage dieser Tour 2015 war ich auch ausgeruht und hatte ein halbwegs funktionierendes Rad ;). Die Route führte zunächst Richtung Nordwesten bis auf den Brocken. Von dort aus ging es über den Kyffhäuser nach Bad Frankenhausen. Richtung Süden wartete noch das Thüringer Schiefergebirge mit einigen harten Rampen. Der südlichste Punkt war das Örtchen Berg an der bayrischen Landesgrenze. Von da sollte es wieder zurück nach Norden gehen durch das Vogtland Richtung Ziel.

Ich hatte mir vorgenommen, die Strecke in 30 Stunden hinter mich zu bringen. Mir war bewusst, dass das angesichts der etwa 8000 Höhenmeter kein Sellbstläufer werden würde, aber machbar sollte es doch sein! 18:30 Uhr starteten die ca. 60 Randonneure in Bennewitz, um sich der Herausforderung zu stellen oder oder einem Startplatz für Paris-Brest-Paris 2019 etwas näher zu kommen. In einer etwa 20-köpfigen Gruppe rollten wir bei moderatem Tempo Richtung Nordwesten. Voraus bolzte eine starke Viermanngruppe (die üblichen Verdächtigen ;). Deren Tempo hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mitgehen können, sonst wäre wohlmöglich im Harz Schluss gewesen. Einige Baustellen und Unstimmigkeiten, was die Route anging, führten dazu, dass unsere Gruppe ständig auseinandergerissen wurde und sich ständig neu formierte. Der erste planmäßige Stopp sollte eigentlich eine Tankstelle in Klostermannsfeld nach 120 Kilometern sein. Diesen Zwischenstopp hatte ich fest eingeplant, da danach im wahrsten Sinne des Wortes eine nächtliche Durststrecke ohne Versorgungsstationen folgen würde. Bei Kilometer 97 entschied sich die Gruppe allerdings bereits für einen ersten Versorgungsstopp. Ich überlegte nur den Bruchteil einer Sekunde “Anhalten oder Nicht“. „Nicht“ hat gewonnen und so brachte ich Druck auf die Pedale und fuhr den ersten Höhenmetern entgegen. Mittlerweile war die Dunkelheit hereingebrochen. Als ich die Tanke in Klostermannsfeld erreichte, traf ich da noch die vierköpfige Spitze. Kurz darauf verschwanden die roten Rücklichter aber wieder in der Schwärze der Nacht. Nachdem ich meine Getränkevorräte wieder aufgefüllt hatte und immer noch keiner hinter mir aufgetaucht war, beschloss ich allein weiterzufahren. Über einsame schwarze Landstraßen ging es in den Harz. Immer wieder raschelte es am Straßenrand. Zweimal kreuzten ein paar Rehe meinen Weg. Ansonsten kein Lebenszeichen. Auf einmal tauchten wieder die kleinen roten Lämpchen vor mir auf. Als ich näher kam, erkannte ich die Vierergruppe am Straßenrand. Ein Plattfuß hielt sie auf. Da sie keine Hilfe brauchten, setzte ich meine Fahrt fort und wartete fortan, dass sich von hinten vier weiße Lichter nähern würden. Die Nacht blieb allerdings dunkel. Als ich den Fuß des Brockens erreichte, wusste ich, was mich gleich erwarten würde. Ich nahm etwas Tempo raus und schraubte mich langsam hoch durch den Wald. Mit jedem Höhenmeter wurde es merklich kühler. Nach meinem 30-Stunden-Zeitplan hätte ich gegen 4:30 Uhr auf dem Gipfel sein müssen und mit der aufgehenden Sonne in die Abfahrt gehen müssen. Oben angekommen schaute ich nach 220 Kilometern auf die Uhr. 3:10 Uhr – Verdammt, war die erste Etappe schnell!

Nach einer kurzen Pause im Vorraum der Wetterstation (Stempel nicht vergessen) zog ich mir die Windjacke drüber und rollte die Brockenstraße wieder hinunter. Nach wenigen Metern kamen mir die ersten Randonneure wieder entgegen (gibt ja nur eine Straße auf den Gipfel). Weiter unten dann immer mehr Verrückte, die nachts auf den Brocken wollten. Im Vorbeifahren wurde gegrüßt. In Schierke endete das Grüßen, da die Route von da an Richtung Süden führte. Der Himmel färbte sich langsam dunkelblau. Ich begegnete noch ein paar Wildschweinen und einem Waschbären – einen dieser verwegenen Radfahrer habe ich seitdem Brocken keinen mehr gesehen. In der Morgensonne schlängelte ich mich über den Kyffhäuser und kehrte anschließend beim Bäcker zur Frühstückspause ein. Als ich mir nach Kaffee und Kuchen meine Flaschen zunächst mit Wasser und dann mit diesem komischen weißen Pulver befüllte, weckte das die Neugierde einer Passantin. Dass EPO für mich keine Option sei und ich mir deshalb Koks in die Trinkflasche mische, verstand sie nicht 😉

Egal…Ohne Blutwäsche und Koks erreichte ich gegen 9:30 Uhr nach 337 Kilometern die zweite Kontrolle in Bad Sulza. Auch wenn Brocken und Kyffhäuser abgehakt waren, so hatte ich noch nicht mal Höhenmeterhalbzeit erreicht. Das Thüringer Schiefergebirge zeichnet sich durch spitze Rampen aus. Olaf hat bei seiner Streckenplanung eine jede einzelne in Szene gesetzt. Aber mit dem Wissen, was vor einem liegt, fuhr es sich entspannter. Nur die brutale Hitze führte dazu, dass ich mir bei jedem Verpflegungsstopp gleich noch eine dritte Flasche ins Trikot stecke. Am Nachmittag gab es erstmals etwas Abkühlung. Am Horizont im Süden drohte ein Gewitter. Ich hatte allerdings Glück. Als ich Berg nach 597 Kilometern erreichte, war der Regen schon durchgegangen.

Da war das Ziel schon fast in Sichtweite. Durch das Vogtland ging es wieder Richtung Norden. In Meerane war die vorletzte Kontrollstelle. Natürlich hatte Olaf die Steile Wand hier nicht außen vor gelassen. Die Zielnähe setzte noch einmal ein paar Kraftreserven frei und so fielen die letzten Kilometer von ganz allein.

Punkt 21:00 Uhr erreichte ich die Zielkontrolle in Frohburg nach 635 Kilometern mit einer Gesamtzeit von 26 Stunden und 30 Minuten (davon 24 Stunden 30 Minuten in Bewegung). Gleichzeitig waren die 538 letzten Brevetkilometer meine längste Solofahrt. In der kommenden Woche starte ich im Duett mit Toni zum 1000-KM-Brevet – dann allerdings mit Schlafsack 😉