Jetzt wo die Tage beinahe am längsten und die Nächte kurz sind, hat man als Randonneur die besten Bedingungen für die langen Kanten. Nach Paris-Brest-Paris im vergangenen Sommer ist es dieses Jahr auch aufgrund der Restriktionen natürlich etwas ruhiger um die offiziellen Brevets geworden und auch unsere jährliche Nach-Oster-Tour von Leipzig nach Prag musste dieses Jahr auf September verschoben werden. Aber all das beschränkt natürlich nicht wirklich in der individuellen Freiheit, seine eigenen Runden zu drehen – ohne Brevetkarte, ohne viele Mitfahrer und ohne gemeinsames Bierchen im Ziel. Aber das ist für mich sowieso eher zweitrangig (abgesehen vom 🍺) und außerdem ist die Zeit der vollständigen physischen Isolation vorerst vorbei und man kann auch mit ein paar Kollegen die ein oder andere Runde drehen oder ein paar längere Kanten planen.

Für mich ist es in diesem Jahr etwas Neues und ganz Besonderes, dass Anne sich aus FREIEN STÜCKEN (Ich betone dies ausdrücklich wegen diverser Unterstellungen, dass ich da einen gewissen Druck ausgeübt hätte ;-)) im letzten Herbst einen Rennbock zugelegt hat und wir seit dem ganz neue Erfahrungen teilen können. Es begann mit ein paar kürzeren Hausrunden, dann mal ein 100er am Wochenende. Und schließlich wollte sie wissen, wie sich 200 Kilometer anfühlen. War gar nicht so schlimm – da gehen doch auch 300. Und schon war die Idee geboren, gemeinsam von Dresden in Annes alte Heimat nach Frankfurt zu fahren – 550 Kilometer non-stop. Sicherlich nicht nur eine körperliche Herausforderung, doch nach den vielen schönen Erfahrungen auf den gemeinsamen Radrunden der letzten Monate bin ich mir sicher, dass wir das Ganze gemeinsam schaffen werden. 

Allerdings fehlte uns bis dato noch eine Erfahrung, die das Brevetfahren klar vom Rennradfahren trennt. Wir wollten vor der Frankfurt-Tour einmal gemeinsam durch die Nacht fahren. So entschlossen wir uns, gemeinsam einen recht flachen 400er von Dresden aus Richtung Nordosten bis zum Muldenstausee mit Abendstart zu planen. Als wir dann letzte Freitag starten wollten, kam die Unwetterwarnung für so ziemlich genau unser Durchfahrtsgebiet. Annes erste Nachtfahrt und dann mit tollen Gewitteraussichten. Wir waren kurz davor, alles abzublasen. Nach einer zweiten  Begutachtung sämtlicher Wetterdienste entschieden wir uns, die Runde zu verkürzen, um dem für Samstagnachmittag angekündigtem heftigen Gewitter aus dem Weg zu gehen. Die Aussichten für Nacht sahen kurz vor Start gar nicht schlecht aus. Mit etwas Glück würden wir trocken bleiben.

Um 20:00 Uhr klickten wir gemeinsam in die Pedale und folgten zunächst dem Elbradweg gen Nordosten. Obwohl des nasse Asphalt uns verriet, dass die pessimistischste Wettervorhersage auch nicht ganz daneben lag, sah es um uns herum überhaupt nicht nach Regen aus. Im Gegenteil, wie in einem kitschigen Western ritten wir der untergehenden Sonne entgegen, um uns alsbald von ihr zu verabschieden. Und das in der Gewissheit, dass wir immer noch im Sattel sitzen würden, wenn sie vor uns (dann sollen wir ja eigentlich wieder auf dem Heimweg gen Osten sein) wieder aufgehen würde. Es dauerte lange bis die Dämmerung in echtes Schwarz überging. Über Oschatz rollten wir am Colmberg vorbei. Da wurden Erinnerungen wach. Wie oft hatte uns Olaf wohl bei seinen Brevets schon hier hochgejagt? Die Steigung spürte man nur seicht in den Beinen, da sie Sicht auf den kleinen Lichtkegel beschränkt blieb, der eine Schneise in den dunklen Wald schlug. 

Ich hatte in alter Brevetgewohnheit im Vorfeld alle 80 Kilometer Tankstellen lokalisiert, die 24 Stunden für uns geöffnet waren. So hielten wir nach Oschatz in Eilenburg, ehe wir in tiefster Nacht die Halbinsel Pouch erreichten. Es hatte schon etwas von Mittelmeerurlaub, zu zweit bei Mondschein am Strand zu sitzen und über das Wasser zu gucken. Die nächtlichen Dörfer blieben menschenleer. Der Nachthimmel ging schon wieder in ein dunkles Blau über und der Geruch von Backofen durchzog unsere Nasen. Nein, Bäckerhandwerk (auch wenn Kuchen meine Leidenschaft ist) wäre nichts für mich, denn dafür schlafe ich zu gern. In der Dämmerung begegnten wir noch einmal allen Vertretern der örtlichen Fauna, bevor endlich der neue Tag einbrach. Allerdings musste jetzt dann doch so langsam-schnell eine Bäckerei her. Die Kilometer wurden zäh, der Kaffeedurst groß. Wir ließen Schmerzen hinter uns, wie man auf dem Titelfoto erkennen kann. Schließlich fanden wir in Mockrehna eine nette Bäckersfrau, die uns aus Mitleid bereits vor Ladenöffnung zwei heiße Tassen mit Lebenselixier herausbrachte. 

Nach dem Frühstück wurde es mit jeder Minute wärmer und wärmer, bis es schließlich richtig heiß war. Vom Gewitter noch immer keine Spur. Als wir Riesa erreichten, hatten die Mittagstemperaturen bereits die 30 Grad überschritten. Wir entschieden und für einen Café-Stopp. Einmal Pommes Schranke, Bauernfrühstück, Eiskaffee, alkoholfreies Weizen und einen Schokobecher mit Sahne – Reihenfolge egal! Nach dieser diätischen Radlermahlzeit brütete die Hitze über uns. Die Tropfen auf meinem Oberrohr belegten dies – Ich war am Schmelzen! So richtig kühlenden Fahrtwind gab es auch nicht mehr. Einigen Landsleuten merkte man die Einschlag der Hitze deutlich an. So kam uns in Meissen eine Truppe älterer Herren entgegen, die offenbar im Fieberwahn vergessen hatten, sich etwas anzuziehen, bevor sie sich auf ihren Gruppenausflug auf dem Elbradweg begaben. Zum Glück für das Penis-Peloton konnte ich das Bauernfrühstück im Vorbeifahren drin behalten. 🤮

Irgendwie kämpften wir uns durch die Hitze nach Dresden zurück. Am Horizont zuckten jetzt die ersten Blitze. Gutes Timing oder einfach ein fairer Deal mit dem Universum. Wir waren froh, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Jetzt schaue ich auch zuversichtlich auf Frankfurt und freue mich dabei, gemeinsam mit Anne Grenzen zu verschieben! Ich bin schon stolz, wie sie sich in den letzten Monaten zu einer Randonneuse entwickelt hat und dieses Jahr ihre Kilometer sicherlich um den Faktor 100 im Vergleich zum Vorjahr steigern wird!

Und dann… Mal sehen, was dieses Jahr noch so kommt. Ideen gibt es, wie ich mir die Zeit bis zur Pragtour im September auf dem Rad vertreibe 😜

Der Radlausicker