Flachländer in den Bergen

In diesem Jahr stand eine etwas andere Herrentagsfahrradtour an. Statt Birkenzweige in die Lenkerenden zu stopfen, checkten wir lieber noch einmal die Funktionen der Bremsen und wechselten hier und da noch einmal auf eine gutmütigere Kassette mit etwas mehr Zähnchen. Die Leipziger Flachländer zogen in die Berge. Und wo kann besser einsteigen als in den Dolomiten mit ihren endlosen Passstraßen, von deren Gipfeln gerade der letzte Schnee getaut war. Als Basis für unser sechsköpfiges Team wählten wir Arabba, einen Ort 70 Kilometer östlich von Bozen, der im Winter vom Skitourismus lebt und im Sommer von Wanderern und Radfahrern. Nur zu dieser Jahreszeit, kurz nach dem die letzten Skifahrer aus der Hütte gekehrt wurden und die Wanderer noch zu Hause ihre Schuhe fetten, wird es knirsch in der vom Tourismus gesponserten Gemeindekasse. Grund genug für uns, dieses Frühlingsloch zu füllen und die Gastronomiearbeitsplätze auch in der Nebensaison zu erhalten.

Als wir anreisten, waren wir uns nicht sicher, welche Witterungsbedingungen uns erwarten würden. Temperarturen im unteren einstelligen Bereich, Regen und Schneefall – die Prognosen der Wetterdienste stimmten nicht gerade optimistisch, aber getreu dem Motto: More Risk, more Fun packten wir unsere kurzen Hosen und Sonnenbrillen ein und starteten in die Berge. Bereits die  Anreise führte uns die letzten Kilometer einen Teil der Sella Ronda entlang und uns war klar, dass es diese Pässe in sich haben würden. Der Himmel hielt sich bedeckt. Auf dem Pass wehte ein zügiger Wind.

Gleich am ersten Tourtag wurden wir allerdings von besten Bedingungen überrascht. Der blaue Himmel versprach uns einen schönen Herrentag. Wir entschieden uns von Arraba aus in die Sella Ronda einzusteigen, den 50km langen Rundweg um das gleichnamige Massiv. Gleich aus dem Ort heraus blieb keine Zeit um sich locker zu fahren oder der gleichen. Es ging einmal direkt über den Pordoipass um 700 Höhenmeter auf 2300 Meter hoch. Selbst bei angenehmen 20°c im Tal entpuppte sich das Hochfahren als schweißtreibende Angelegenheit, obwohl die Temperaturen mit jedem überwunden Höhenmeter sanken. Beim Warten am Passhöhepunkt zogen wir uns dann wieder die langen Klamotten drüber, denn auch die langen Abfahrten bei 70 km/h hätten wir sonst sicherlich nicht genießen können. Im Tal angekommen, hieß es dann gleich wieder „Klamotten aus“, denn es ging wieder hoch. Toni hatte im Vorfeld Routen herausgesucht, die die verfügbaren Höhenmeter möglichst optimal ausnutzten. Ebene Abschnitte kamen darin nicht vor.Olaf wäre sicher stolz auf ihn! 😉  Im Prinzip hätten mir zwei Übersetzungen (34:28 für hoch, 48:11 für runter) genügt. Was anders wurde kaum genutzt.

Wie schnell das Wetter wechselt in den Bergen, zeigte sich am Nachmittag, als sich kurz nach Rückkehr (zum Glück) im Tal immer mehr dunkle Wolken sammelten und nichts Gutes verhießen, Am nächsten Tag startete der härtere Teil der Radlausicker trotz Regens zur Passbezwingung. Ich blieb im Warmen – offiziell, um eine gereizte Sehne zu schonen, aber eigentlich mag ich keinen Regen und der Kühlschrank war voller Bier.

Am dritten Tag weckten uns wieder goldene Sonnenstrahlen am azurblauen Himmel. Heute konnten wir uns noch einmal richtig belohnen. Von Arraba ging es erstmal bergab Richtung Salesei. Hier stiegen wir in den Rundweg um den Passo di Giau ein. Damit wir die Auffahrt auf 2220 Meter richtig genießen konnten, starteten wir die Route über Savinir de Laste, einem Örtchen auf knapp über 1000 Metern über NN. Von dort ging es erstmal 300 Höhenmeter hinauf nach Selva di Cadore. Bereits an dieser Stelle hatte sich unser vierköpfiges Feld weit auseinander gezogen. An diesem Berg gab es keinen Windschatten. Hier kämpfte jeder gegen und mit sich selbst. Nach einer kurzen Abfahrt (zum Schwungholen) ging es an den eigentlichen Pass. 900 Höhenmeter auf 8 Kilometern Länge bei einer durchschnittlichen Steigung von 10 Prozent (oben natürlich steiler werdend). Nach etwas weniger als 50 Minuten, einigen kraftlos ausgeatmeten Flüchen erreichten Toni und ich im kurzen Abstand den Gipfel und damit nur 5 Minuten hinter den schnellsten Passfetischisten von quaeldich.de. Oben angekommen kühlten wir unsere Gesichter mit etwas Schnee und kleideten uns nach einer ausgiebigen Pause im Restaurant wieder für die Talfahrt ein. Während die anderen ihren Rößern die Spuren gaben, genoss ich die Aussicht bei jeder Kehre. Unten im Tal auf ca. 1500m angekommen, ging es gleich wieder über den Passo Falzarego hoch auf 2100m. Trotz der insgesamt 2700 Höhenmeter auf 77 Kilometern zeigte der Tacho am Ende immerhin einen knappen 22er-Schnitt. Das lag sicher auch daran, dass auf den letzten 10 stetigen Bergaufkilometern zurück nach Arraba der ein oder andere Angriff gefahren wurde. 😉

Nach dem kurzen Ausflug in die Berge sollten wir jetzt auch gut gerüstet sein für das 600er-Brevet am 12. Juni. Für die diesjährige Pragtour dürften wir das Erzgebirge nach dieser Dolomiteneinheit auf dem großen Blatt überrollen.

 Wir werden ja sehen…

Hier gibt es zwei der gefahrenen Routen:

Sella Ronda

Passo di Giau

PS: Das Video zur Tour braucht noch ein paar Tage.