Pünktlich 2:00 Uhr klingelte der Wecker, aber eigentlich hätte ich den nicht gebraucht. Der helle Mond schien mir bereits ausreichend ins Gesicht, um die Schlummerstunde vorzeitig zu beenden. Ich sprang in die Radklamotten, schaufelte mir noch schnell eine Portien Pasta ala Mama vom Vorabend rein, und schlürfte eine Tasse Schwarzen. Halb 3 schallten die einklickenden Cleats durch die kleinstädtische Stille der Nacht, bevor der Freilauf für einige Bewohner wohl eine kurze Unterbrechung der Nachtruhe bedeutete. Ich rollte los, um Toni abzuholen, und dann die 30 Kilometer zum Start vom 300-Kilometer-Radmarathon im Rahmen der Neuseen-Classics zu pedalieren. Ich genoss die Stille (und nach den letzten Brevets vor allem die Trockenheit). Die Nacht war so lau, dass ich mich entschied, direkt ohne Beinlinge zu starten. 

Gegen halb 4 erreichten wir den Startbereich in Leipzig und checkten uns kurz ein. Leider hatte  Benedikt schweren Herzens kurzfristig absagen müssen und würde Toni und mich nicht begleiten – oder etwa doch? Am Check-In stand gerade ein Radler, der gern mitfahren wollte, aber noch nicht gemeldet war. Da noch keiner anwesend schien, der seinen Fall bearbeiten konnte, waren alle etwas ratlos. Spontan ließ sich das Problem aber lösen, als wir von unserem fehlenden dritten Mann erzählten und der Herr durfte mit Benedikts Startnummer mitfahren.

Das Fahrerfeld im Startbereich war recht gemischt, wobei die sportlich ambitionierten Akteure auf den ersten Blick überwogen. Ich war gespannt, wie der Charakter der Gruppe sein würde. Auf eine aggressive Pelotonfahrt hatte ich keine Lust. Als Punkt 4:30 der Startschuss fiel, setzte sich der Tross recht entspannt, aber zügig in Bewegung. Über die Prager Straße bügelten wir Richtung Süden. Ich hatte mit Toni vereinbart, mich nach ihm zu richten. Wir wollten es nicht überreizen. Immer wieder drehte ich mich um und er gab mir zu verstehen, weiter vor zu fahren. So platzierten wir uns vorn im Feld. Der Vollmond schien über den mehr als 300 Helmen, die sich dem Leipziger Seenland näherten. Leider konnte ich in der Gruppe mein Telefon nicht aus dem Trikot fummeln, so dass das Bild nur in meinem Kopf bleibt.

Nach und nach teilte sich das große Feld immer mehr auf. Wir waren immer noch vorn dabei in einer etwa 30 Mann großen Gruppe. An der ersten Verpflegungsstation nach etwa 60 Kilometern lockerte sich aber auch diese auf. Toni und ich füllten unsere Flaschen und weiter ging es in einer kleinen Gruppe. Ich versuchte soviel wie möglich vorn zu fahren, um uns wieder in eine größere Gruppe zu bringen. Toni zog gut mit. Bald kamen die ersten Wellen am Ufer des atemberaubenden Geiseltalsees. Toni hatte aus guten Gründen in diesem Jahr recht wenig Zeit auf dem Rad verbracht und das spürte er jetzt an jedem Höhenmeter. Wir mussten die Gruppe ziehen lassen und radelten fortan im Duett weiter. In Toni wurden erste Zweifel laut, dass er die 300 Kilometer zu Ende fahren würde. Nach dem zweiten Verpflegungspunkt bei 128 Kilometern fuhr er sich zunehmend locker. Wir überholten wieder einige Grüppchen und fanden an einem Berg schließlich einen Mitstreiter, der unser Tempo mitfuhr. Nach ein paar Kilometern warf ich einen Blick auf dessen Startnummer, um seinen Namen zu lesen. „Ach, Benedikt, du bist es!“ – Es war der Radler von heute Morgen am Schalter. Auf eine sehr seltsame Weise fuhren jetzt also doch in der Dreierkonstellation, die wir uns vorgestellt hatten.

Nach und nach sammelten wir weitere Fahrer ein, die den Windschatten gern nutzen. Toni, klebte solide an meinem Hinterrad und hatte jetzt schon fast wieder die Entscheidung gefasst, doch durchzufahren, als eine kleine Unaufmerksamkeit dazu führte, das er meinen Hinterreifen streifte und kurz darauf stürzte und mit seinen Hintermann mitriss. Nach kurzem Ordnen zog die Gruppe weiter, während Toni und ich gemeinsam mit dem anderen Radler die Schäden an Körper und Rad  analysierten. Zum Glück war nichts Ernsthaftes passiert. Blessuren im Gesicht, ein zerfetztes Trikot und ein verbogener Sattel waren auf den ersten Blick alles, was Schaden genommen hatte.

Jetzt war Tonis Entscheidung, abzubrechen allerdings endgültig gefällt. Nachdem die Schürfwunden abgetupft waren, rollten wir noch gemeinsam Richtung nächster Verpflegung bei Kilometer 185. Danach trennten wir uns. Ich nun allein auf weiter Flur – so war das Ganze eigentlich nicht geplant gewesen. Toni hatte sich mit den Worten verabschiedet: Sammle den Rest an den Bergen wieder ein. In mir kam jetzt doch etwas Ehrgeiz auf und so gab ich Carina die Spuren! In dem flachen Profil bei Gegenwind war es recht langwierig, Lücken zu zufahren. Ich erblickte alsbald die erste kleine Gruppe vor mir, aber richtig verkürzen konnte ich den Abstand nicht. Dann kamen ein paar Hügel und plötzlich war ich nicht nur sehr nah dran, sondern auch schon vorbei, dann halt die nächste Gruppe und die nächste. Die Beine fühlten sich gut an, endlich mal eine Betriebstemperatur jenseits der 20°c – mein Wetter! Kurz vor Bad Lausick erreichte ich endlich eine Gruppe, die Potential hatte. Ich ruhte mich kurz im Windschatten aus, bevor ich ein schlechtes Gewissen bekam und wieder mal in Führung gehen wollte. Nach ein paar Minuten bemerkte ich etwas überrascht, dass keiner mehr hinter mir war. Also ging es wieder allein weiter. Das Spiel wiederholte sich bis nach Trebsen – dem letzten Verpflegungspunkt. Dort traf ich auf die nächste Gruppe, wollte aber nur fix etwas Wasser auffüllen und so war ich so schnell verschwunden wie ich aufgetaucht war. Jetzt brauchte ich auch keine Gruppe mehr. Noch 60 Kilometer, die Tacho zeigte stetig Werte um die 35. Jetzt war plötzlich keine Gruppe mehr vor mir. Als ich die Einflugsschneise nach Leipzig unter die Räder nahm, gab es sogar ein paar motivierende Menschen am Straßenrand, Hupen, Allez, allez! Kurz vor der Zieleinfahrt und plötzlich die Straße gesperrt!

Ich hielt kurz und fragte einen Verkehrshelfer, wie ich in den Zielbereich komme. Er daraufhin: „Der Besenwagen ist schon längst vorbei.“(Es hatte tagsüber Rennen über 60 und 100km gegeben) „Danke, dann ist die Straße ja jetzt sauber für meine Zieleinfahrt!“ Nach ein paar Kurven rollte ich über die 14:15 Uhr nach weniger als 10 Stunden über Ziellinie, wo ich absolut unerwarteterweise von meinen Eltern überrascht wurde! 

Fazit: Die Form stimmt. Ich freue mich auf den Sommer, den 600er und Paris!

PS: Jetzt habe ich auch eine Lösung gefunden, damit sich die Liebsten weniger Sorgen machen müssen auf den langen Strecken, die für die Daheimgebliebenen oft viel länger sind als für diejenigen, die im Sattel sitzen. Dazu aber mehr im nächsten Beitrag.

Bis dahin! 

Martin

Nachmittags in Leipzig