Nur ein wenig Vogelgezwitscher ist zu hören, ansonsten herrscht angenehme Stille in der Stadt. Leipzig schläft noch an diesem Samstagmorgen um 5 Uhr. Neben den Vögeln ist allerdings eine zweite Spezies bereits auf den Beinen – ebenfalls beflügelt – allerdings von einer Idee. Der Idee, Prag allein mit der Kraft der eigenen Beine an einem einzigen Tag zu erreichen. Die Rede ist von den 9 Randonneuren, die sich gerade am Fuße des Völkerschlachtdenkmals flashmobartig zusammenfinden, zur Verwunderung einiger Partyheimkehrer und Zeitungsausträger. 18 Waden stellen sich einer Herausforderung, die 2007 als kleine Ausfahrt zu zweit begann.

Diesmal führt die Route allerdings nicht über Chomutov und auch nicht über Dresden, sondern über Oberwiesenthal und Karlsbad. Diese anspruchsvollere Varinate zeigt bereits auf dem Papier, was den Mitstreitern bevorsteht. 310 Kilometer durch ein hügeliges Profil, das insgesamt gut 3800 Meter Anstieg bereithält. Genau das Richtige, um in die neue Brevetsaison zu starten und gleich zu Beginn den eigenen Schweinehund in die Schranken zu weisen. Einige Teilnehmer haben bereits eine Woche zuvor das 200 Kilometer-Brevet der ARA Sachsen absolviert. Für die meisten ist es die erste Langstrecke in diesem Jahr oder sogar überhaut das erste Mal mehr als 100K an einem Tag. Unterschiedlichste Leistungsniveaus und Trainingszustände treffen auf eine skrupellose Routenplanung.

Mit lockerem Tritt geht es zunächst Richtung Chemnitz. Nach einigen Kilometern stellt Toni fest, dass sein Rad heute um einiges leichter ist als sonst. Liegt es am harten Intervalltraining oder einfach daran, dass er seine Flaschen in Leipzig vergessen hat? Kann ja mal passieren zu Saisonbeginn 😛 Schon nach einigen Kilometern durch die morgendliche Dunkelheit gibt es sowieso kontinuierlich zu Trinken von oben. Ein Nieselregen setzt ein, der in Chemnitz dann kurz zum richtigen Regen wird, dann wieder nachlässt, aber nicht wirklich aufhören will. Bereits hinter Chemnitz an den ersten härteren Anstiegen kommen bereits Zweifel auf, ob die Gruppe vollständig Prag erreichen wird. Das Profil und das schlechte Wetter nagen bei allen am Durchhaltevermögen. Die Gruppe zieht sich an Bergen weit auseinander. Allerdings sammelt man sich am Gipfel immer wieder. Schließlich ist die Idee hinter Leipzig-Prag immernoch die gleiche wie vor 9 Jahren und unterscheidet sich von klassischen Brevets, wo jeder letztlich sein Ding macht. Hier wird zusammen gestartet und zusammen angekommen!

Auf dem Fichtelbergpass bricht die Gruppe zunächst vollkommen auseinander. Am Berg kämpft jeder für und mit sich allein. Beim Erreichen des Gipfels sind alle sichtlich damit einverstanden, die Mittagspause im Gasthof an der Passstraße einzulegen. Die Ausdünstung von neun Randonneuren erzeugen im Restaurant recht schnell geruchliche Assoziationen einer Turnhalle. Das veranlasst die Kellnerin alsbald zum Stoßlüften, um die Sauerstoffversorgung aller Gäste sicherzustellen. Nach einer warmen Mahlzeit und dem ein oder anderen Nikotindoping geht es bergab bis Karlsbad. Die Pause setzt bei einigen unerwartet neue Kräfte frei. Wo vorher fast gar nichts mehr ging, werden auf einmal Autos überholt, die mit 50 den Berg runterschleichen.

Bereits am Ortsausgang der Stadt wartet allerdings schon der nächste Moralbrecher. Wieder geht es bergan. Allerdings wirkt auch hier die Mittagspause und die ersten Sonnenstrahlen des Tages positiv auf die Stimmung. Auch wenn die beiden höchsten Anstiege geschafft sind, bleibt die Strecke hügelig. Aber es geht kontinuierlich abwärts und der Schwung des einen Hügels reicht meist fast über den nächsten drüber. Die Fahrintervalle werden jetzt aber auch immer kürzer. Man merkt, dass die Puste langsam ausgeht. Pünktlich um acht geht die Sonne unter. Die Randonneure fahren wieder in die Dunkelheit, aus der sie heute Morgen gestartet sind. Nur noch wenige Kilometer trennen uns von der tschechischen Hauptstadt und es geht fast nur noch mäßig bergab auf autoleeren Straßen. Als wir schließlich die Einfahrtsschneise nach Prag erreichen, ist es bereits 23:00 Uhr. Zum krönenden Finish gibt es für alle noch eine Fahrradwäsche, die bis zum Wenzelsplatz anhält. Aber das ist allen egal. Voller Euphorie erreichen wir schließlich den Wenzelsplatz, wo die besten Tourbegleiter Thomas und Tim bereits mit tschechischen Blechbrötchen auf uns warten. Als sie Handschläge und Gratulationen verteilen, blicken sie in neun erschöpfte, dreckige, durchnässte, aber irgendwie dennoch lächelnde Gesichter – und darum geht es ja am Ende: Um ein dreckiges Lächeln!

Ein besonderer Dank geht an meinen Vater und Tim, ohne die die Tour so nicht möglich wäre! Außerdem gratuliere ich allen Randonneuren, die zum Erfolg des Experiments beigetragen haben. Jungs, ihr wart eine klasse Mannschaft. Ich hoffe auf viele weitere Ausfahrten in der Konstellation!

Jetzt kann die Radsaison beginnen. Himmelfahrt wartet bereits die nächste Tour von Leipzig nach Frankfurt am Main (diesmal allerdings als Einzelzeitfahren). Auf Birkenzweige am Lenker werde ich dabei jedoch aus Gründen der Aerodynamik verzichten müssen – auf ein Wegebier sicherlich nicht! 😉

Der Radlausicker