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Randonneure aus Leidenschaft

Von nächtlichen Pannen und Bratwürsten

Am letzten Wochenende absolvierten die Radlausicker ihr bisher härtestes Brevet mit einer Gesamtlänge von 640 Kilometern und 7500 Höhenmetern. Als wären diese Zahlen an sich nicht schon problematisch genug, hatten wir diesmal erstmalig mit größeren technischen Problemen, einem Sturz und nächtlicher Wasserknappheit zu kämpfen.

Ein schöner Grillabend, etwas wenig Schlaf, ein Arbeitstag und eine Autofahrt durch den Feierabendverkehr aus Dresden nach Bennewitz waren sicherlich nicht die besten Bedingungen , um ein 600er-Brevet zu beginnen. Noch dazu war da dieses Knacken beim Kurbeln bei meiner letzten Testfahrt von Leipzig nach Dresden plötzlich hin und wieder aufgetaucht. In Bennewitz schaute sich Radtechniker Toni eine halbe Stunde vor Start die Sache noch einmal näher an, aber getreu dem Vorführeffekt knackte da einfach nichts mehr. Für eine genauere Untersuchung war ohnehin keine Zeit. 18:35 Uhr ging es gemeinsam mit etwa 30 Mitfahrern los, zunächst Richtung Harz. Und natürlich kam es so wie es kommen musste: Nach wenigen Kurbelumdrehungen setzte das Knacken wieder ein, dieses Mal aber kontinuierlich. Was auch immer es verursachte (Pedale, Lager oder Rahmen?), tat dies zuverlässig und in einer deutlich vernehmbaren Lautstärke mit jedem Tritt. So ließ es nicht lange auf sich warten, dass mich einige besorgte Randonneure fragten, was mit meinem Rad los sei. Zu diesem Zeitpunkt lagen noch 620 Kilometer vor uns! Ich ahnte noch nicht, dass dieses nervige Geräusch nicht das größte Problem auf dieser Tour darstellen sollte.

Das Anfangstempo war im Vergleich zu den letzten Brevets ausgesprochen entspannt, was nicht zuletzt an dem dezenten Hinweis des Organisators Olaf gelegen haben dürfte, das Pulver nicht bis zum Brocken zu verschießen. Da komme noch etwas hinterher. Diese Worte aus seinem Mund konnten im Klartext nur bedeuten: „Jungs, der Brocken ist nur zum warm werden!“ So konnte man sich sogar während der Fahrt mit einigen Mitstreitern austauschen.

Hinter Bad Lauchstädt gab es noch einmal die Gelegenheit an der Tanke die Getränkevorräte aufzufüllen. Leider sollte es bis zum Brocken die letzte Gelegenheit dieser Art sein. Der war allerdings noch 130 Kilometer entfernt. Zwar sollte es in Harzgerode noch eine Aral geben, die 24h geöffnet habe, aber das war seit wenigen Tagen nicht mehr so. Das fanden wir sehr „schade“, da unsere Trinkflaschen nur noch mit kleinen Schlucken gefüllt waren.

Ob es dem knappen Wasser, der einsetzenden Müdigkeit oder einfach nur einer kleinen Unkonzentriertheit geschuldet war, lässt sich schwer sagen. Jedenfalls konnte es bezeichnender für die Situation nicht sein, als ich nach der Tankstellenpleite einen Abzweig mit Schwung verpasste. Ich rief den anderen beiden hinter mir zu, dass sie abbiegen müssten, um sie vom gleichen Fehler abzuhalten. Benedikt bremste daraufhin leicht an, allerdings bekam Toni das zu spät mit und musste so kräftig bremsen, dass sein Rad ausbrach und ihm nur der Abstieg blieb. Nach einer erstklassigen MacGyver-Rolle und anschließendem Telemark stand er auf einmal mitten auf der Kreuzung, während sein Stahlrad einen Funkenschweif durch die dunkle Nacht ziehend über den Schwarzen Asphalt rutschte. Nachdem Toni glücklicherweise nichts passiert war, ging es an das Rad. Aber auch das war bis auf ein paar Kratzer am Schalwerk und der schönen goldenen Klingel in Ordnung. Jetzt waren wir zumindest wieder putzmunter. Das Wasser-Problem bestand jedoch weiterhin.

 Wo bekommt man nun Wasser her, ohne Dorfbewohner mitten in der Nacht herauszuklingeln? Natürlich gab es ein paar Flüsse, aber leider keinen direkt an der Straße und eine Wanderung durchs Unterholz kam noch nicht in Betracht. Aber auch hier wussten sich die erfahrenen Randonneure zu helfen und wir haben wieder etwas dazu gelernt. Und dieses Wissen teile ich gern.

Wenn ihr mal jemanden seht, der nachts über den Friedhof schleicht, muss es sich dabei nicht zwangsläufig um einen Goth handeln, es kann auch ein Randonneur auf der Suche nach dem Wasserhahn sein. Zumeist zeichnen sich Goths durch Verzicht Helm und reflektierende Bekleidungsstücke aus. Zugegeben, bei radfahrenden Goths wird die Unterscheidung schon schwieriger und soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.

Leider war Toni der Einzige, der während einer zügigen Bergabfahrt rechtzeitig den Abzweig zum Friedhof entdeckte, während Benedikt und ich im Tal warteten. Neben dem Mangel an Wasser machte sich der Mangel an Schlaf bei mir jetzt doch zunehmend bemerkbarer. Wir mussten einfach mal anhalten! Nach der Rappoltalsperre bogen wir auf einen Parkplatz ab. Das gut ausgebaute Toilettenhäuschen stellte eine gute Lösungsmöglichkeit für unsere Probleme dar. Leider blieb es für uns in jener Nacht verschlossen und so ruhten wir uns ein paar Minuten im Kauern davor aus. Dabei wurden wir von einem Einzelkämpfer entdeckt, der sich durch die Nacht kämpfte. Als er uns erblickte, war in ihm sicherlich die Hoffnung auf Wasser geweckt worden. Leider mussten wir ihn enttäuschen. Nach einem kurzen Sitzschlaf beschlossen wir weiterzufahren. Der Himmel färbte sich bereits wieder in ein dunkles Blau. In aller Frühe passierten wir einen Campingplatz. Im Vorbeifahren fixierten unsere Augen den Wasserhahn am Rezeptionsgebäude. Endlich konnten wir wieder etwas trinken unsere Flaschen wieder füllen, um zwei Kilo mehr den Brocken hinauf zu schleppen. Kurz nach Sonnenaufgang stempelten wir nach 225 Kilometern an der Wetterstationen das erste Mal in unsere Brevet-Karten. Jetzt waren wir warm.

Nach einer kurzen Abfahrt und einem langen Frühstück bei einem Bäcker in Schierke rollten wir weiter über Hasselfelde und Stolberg. Über den Kyffhäuser gab es die nächsten Höhenmeter zu sammeln. Bei bestem Wetter folgten wir der Route über Bad Frankenhausen, Artern Richtung Bad Sulza. Der Himmel in Fahrtrichtung verhieß hier nichts Gutes. Zum Glück standen wir gerade an einem Supermarkt, als es begann wie aus Eimern zu gießen. Wir nutzen die Gelegenheit, um auf der Laderampe hinter dem Markt eine halbe Stunde zu ruhen. Die Kassiererin, die kurz zu ihrer Raucherpause herauskam, schaute etwas verdutzt, als sie dort drei Radfahrer vorfand, die es sich auf einer Rettungsdecke bequem gemacht hatten. Von Bad Sulza aus ging es über Camburg Richtung Hermsdorf und von dort über Stadtroda. Kurz vor Neustadt an der Orla hatte Benedikt dann einen Plattfuß, den ersten der über 1000 Brevet-Kilometer dieses Jahres. Das Ganze war recht fix erledigt und es konnte weitergehen. Dass wir bis dahin trotz des Brockens und Kyffhäusers erst die knappe Hälfte der Höhenmeter hinter uns hatten, beunruhigte etwas. Das Profil würde also nicht flacher werden.

Die Strecke führte im ständigen Auf und Ab gen Süden. Immer wieder schossen wir schnelle Abfahrten herunter und nahmen den Schwung mit in den nächsten Anstieg. Jedes mal hieß es dann hart herunterschalten. Die zweite Nacht war bereits angebrochen, als ich wieder einmal mit Schwung in einen Anstieg ging. Den Versuch, den Gang zu wechseln quittierte mein Ross Tina nur mit einem stumpfen Klacken, ohne dass die Kette Anstalten machte, das Ritzel zu wechseln. Nach einer kurzen Inspektion mit der Taschenlampe stand die Diagnose schnell fest. Der Kopf vom hinteren Schaltzug gerissen! Und das in den Bergen! Natürlich hatte keiner von uns einen Schaltzug dabei und in dem verlassenen Dorf würden wir das Problem nicht lösen könne. Also trat ich die kommenden Anstiege erstmal im Wiegetritt hoch. Nach einigen Kilometern hielten wir erneut mitten im Wald, um zu versuchen, ein Stück Holz so in das Schaltwerk zu keilen, dass ich zumindest einen mittleren Gang fahren konnte. Auf das zweite Ritzel hatten wir es immerhin schon geschafft, als wir in der Ferne Glühwürmchenlichter durch den Wald flimmern sahen. Das mussten wieder ein paar Randonneure sein. Und tatsächlich hatte einer von ihnen einen Schaltzug dabei! Er überließ ihn mir und rettete damit unsere Tour. Nach 5 Minuten war der neue Zug drin und die Schaltung lief wieder. Die Packliste für Paris ist um ein weiteres Ersatzteil erweitert!

In Bad Lobenstein trafen wir wieder auf die anderen Randonneure. Gemeinsam nahmen wir Kurs auf den Rasthof Berg, den südlichsten Punkt der Route. Wieder einmal ging das Wasser langsam zur Neige. Aber zu einem Brevet gehören immer auch die Momente, in denen es einfach läuft. Wie auf Bestellung trafen wir halb zwei in der Nacht in einem Dorf auf eine muntere Partytruppe, die wir nach Wasser fragten. Ohne zu zögern wurden wir sogar auf ein paar echte Thüringer eingeladen. Da spielte es keine Rolle, dass die schon kalt waren. Wir schlangen sie hinter und bedankten uns für die tolle Gastfreundschaft. Das Angebot, unsere Radflaschen mit einer ordentlichen Mische zu befüllen, konnten wir leider nicht annehmen, da noch etwa 160 Kilometer vor uns lagen. Im Rasthof Berg bestellte ich mir nachts um zwei erstmal Spiegeleier, ein Weizen und einen Kaffee: Eine Kombi, die mir unter normalen Umständen so nicht unterkommen würde, aber normal war in dieser Nacht ohnehin nichts! Nach einer Stunde Schlaf auf dem Restaurantfußboden (Danke für die freundliche Erlaubnis!) ging es halb vier weiter. Ein herrlicher Sonnenaufgang erweckte das Voigtland, das sich vor uns ausbreitete. Die Müdigkeit war kaum noch zu spüren. Die kurze Schlafpause schien Wunder gewirkt zu haben. Fast ohne Probleme rollten wir bis Meerane. Nach den Erlebnissen der Nacht, ist ein gebrochener Speichennippel kaum erwähnenswert. Mit offener Bremse und etwas eierndem Vorderrad ging es auf die letzten 40 Kilometer nach Frohburg.

Natürlich ließ es sich Olaf nicht nehmen, uns nach 600 gefahrenen Kilometern in Meerane, die aus der Friedensfahrt bekannte „Steile Wand“ hochzuschicken. Aber schließlich fehlten uns ja noch einige Höhenmeter zu den 7500. Um 10:30 Uhr erreichten wir schließlich die Endkontrolle nach genau 640 Kilometern und in einer Gesamtzeit (inkl. aller freiwilliger und unfreiwilliger Pausen) von knapp 40 Stunden.

Jetzt müssen erstmal alle Defekte an den Rädern behoben und die Packlisten ergänzt werden. Ich glaube, die Erlebnisse auf diesem 600er kamen genau zum richtigen Zeitpunkt und wir können uns jetzt in aller Ruhe auf Paris im August vorbereiten.

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