Seite wählen

Brevet 400 Dresden

Route auf Komoot

Ausflug ins Riesengebirge

Nach ein paar Langstrecken im Frühjahr hatte es bisher keine Übereinstimmung zwischen dem Brevet-Kalender und meinem eigenen gegeben. Zugegenermaßen war es für mich auch nicht Prio Eins. Aber im Jahr vor PBP 2023 hab ich mir vorgenommen, die ein oder andere offizielle Langstrecke der ARA unter die Räder zu nehmen. Am liebsten darf es auch mal was Unbekanntes sein. Da kommt mir der neue Brevet-Startort in Heidenau, den Björn organsiert, genau gelegen. Eine neue Strecke, die auch noch direkt vor der Hasutür beginnt – perfekt.

Diesmal nicht allein

Noch etwas müde von der Woche treffe ich Marcus am Samstagmorgen am Blauen Wunder, um mit ihm gemeinsam nach Heidenau zu reiten. Noch bin ich mir nicht sicher, was mein Hintern von der Aktion hier halten soll. Die 9 Stunden bergauf am letzten Samstag hatten zu einer ungewohnten Belastung der Sitzhöcker geführt, auf deren Folgen ich hier nicht weiter eingehen werde. Nur soviel: Die Aussicht auf eine bevorstehnende 400 Kilometer- Dauerbelastung weckte wenig Vorfreude. Die Besserung in den letzten Tagen und meine Geheimwaffe B17 stellten aber eine faire Chance dar. 

Erstmal Kaffee und Kuchen

An der Radrennbahn war schon ein reges Treiben vor der Kaffeetheke. Es wurde geplaudert, gefachsimpelt und gewitzelt. Natürlich mustert man unter Randonneuren auch die Räder und Setups untereinander. Schließlich stehen von außen betrachtet alle vor der gleichen Herausforderung, haben aber zeitgleich ganz unterschiedliche Ziele. Und jeder versucht, sich den Weg dorthin so leicht und angenehm wie möglich zu gestalten. Fährt er mit Nabendynamo? Wie lange halten seine Akkus? Ist das aerodynamisch so? Ist das nicht viel zu schwer? Warum hat der ein B-17-Tourensofa auf seinem Rennrad moniert? …Er hat seine Gründe! 😜

Ich werfe Björn im Vorbeigehen zu, dass ich mich heute an Marcus halten werde. Als er antwortet, ich solle ihm Feuer unterm Hintern machen, hoffe ich innigst, dass mir jenes heute unter meinem erspart bleibt.

Pünktlich um 8 tippen alle auf ihren Telefonen herum und knipsen Selfies vor der Kulisse des Velodroms von Heidenau. Hier geht es aber nicht um die architektonische Ästhetik des Betonstreifens im Morgentau. In Heidenau nutzt man eine sogenannte e-Brevetkarte – eine mobile Website, mit deren Hilfe man sein Erreichen der Kontrollstellen über GPS verfiziert und mit einem vor Ort aufgenommenen Selfie bestätigt. Vorbei die Zeiten, in den man nachts verzweifelt nach einem versteckten Stempel am Ortsschild sucht oder der verdutzen Dorfbäckerin erklären muss, wozu sie ihren Stempel jetzt in dieses knittrige Kärtchen drücken soll, das ihr die gezeichnete Hand des verwegenen Radfahrers entgegenhält.

Es hat zwar schon etwas, die alten Brevetkarten Jahre später wieder aus der Kiste zu holen und sich sofort auf die Tour zurück zu versetzen, aber mit ausgedrucktem Roadbook möchte ich auch nicht mehr nachts im Regen nach dem richtingen Abzweig suchen. Also ich finde diese e-Brevet Variante top, solange der Akku vom Telefon hält.

Nach dem Selfie ist vor dem Start

Nachdem auch ich es geschafft habe, ein Selfie hochzuladen, sind Björn & Co. schon auf und davon. Marcus meint später, das wäre das Beste für uns gewesen, da wir ja entspannt machen wollten und beide sehr anfällig für die Versuchung der Geschwindigkeit sind. So können wir von Anfang an komplett unser Tempo fahren, das sich langsam steigert. Zunächst rollen wir entlang des Elbradwegs bis Hrensko. Von dort geht es das erste Mal richtig bergan durch die böhmische Schweiz. Bei besten Wetterbedingungen und mit Rückenwind fährt es sich beinah angenehm leicht die ersten Hügel hoch. An diesen ersten Anstiegen begegnen wir ein paar Gruppen, bleiben aber zunächst zu zweit. Nach der ersten Kontrolle Hrad Grabstejn rollen wir dem Track folgend hinab ins Tal und stehen plötzlich vor einer halben Brücke. Hier geht es selbst mit dem Fahrrad nicht weiter, also demmeln wir dem Track folgend wieder zuück zur Kontrolle, wo wir die Gruppe hinter uns vor dem gleichen Fehler bewahren. Schnell ist eine alternative Straße gefunden und wir setzen die Reise jetzt in der Gruppe fort. Marcus und ich wechseln uns vorn im Wind ab. Die Gruppe hält bis zur nächsten Tankstelle. Wir entscheiden uns für einen kurzen Kofola-Stopp und rollen anschließend zu viert weiter. Kontinuierlich geht es jetzt nach oben. An den Bergen fährt jeder sein Tempo, aber spätestens am nächsten Fotostopp oder in den Abfahrten finden wir immer wieder zusammen. Den Anstieg hoch Richtung Horni Misecky fahre ich gemeinsam mit Marcus. Oben an der Baude treffen wir Björn und seine Begleiter, die sich gerade in die Abfahrt stürzen. Nach Pasta, Palatschinken und Kaffee ist auch unsere Formation wieder vollzählig. Wir bekommen noch Gesellschaft, so dass wir die Heimreise nach Heidenau zu fünft antreten.

Das Böhmische Paradies

Dabei geht es durch das Böhmische Paradies. Am Horizont zeigt sich der Jeschken mit seiner markanten Gipfelbaude, den wir an diesem Tag nur aus der Ferne sehen werden. Dennoch bleibt das Profil auch für uns wellig. Glücklicherweise hat aber der Westwind etwas nachgelassen. Landschaftlich ist diese Ecke eine der reizvollsten der ohne wunderschönen Tour. Über die jetzt teilweise etwas ruppigen Straßen Tschechiens geht es dem Sonnenuntergang entgegen. Mit der einsetzenden Dunkelheit fallen auch die Temperaturen. Jetzt erweist sich meine Klamottenwahl als sehr optimistisch. Ich habe lediglich eine Weste und Armlinge im Trikot. Auf Jacke und Beinlinge habe ich verzichtet, was sich angesichts der 6°c in den Talauen nicht gerade kuschelig warm anfühlt. Aber solange wir keine längeren Pausen einlegen, ist es noch im Bereich von OK. Die Kilometer fliegen jetzt aber, was auch daran liegt, dass wir unser Höhenmeterguthaben Kilometer für Kilometer ausbezahlt bekommen. Mitten in der Nacht rollen wir durch Decin, wo das Nachtleben noch in vollem Gange ist, als die Warnwesten-Gang über den Kreisverkehr schießt unter dem Jubel einiger Partygänger. Wenig später als wir uns am Ortsausgang wiederfinden, gibt es keine Jubelschreie mehr, nur noch das stoische Geschnaufe von 5 Radfahrern, die sich, ein jeder auf seine Weise, den Schneeberg hochkämpfen (3km/400hm). Der krönende Abschluss.

Von jetzt an geht es aber fast nur noch bergab. Vorbei an einigen Dorfparties mit Polizeieinsätzen und Alkoholvergiftugen nehmen wir schließlich die letzte Abfahrt nach Pirna und erreichen die Gulaschsuppe in Heidenau gegen halb 3. Nach einer kurzen Streckenauswetung mit Björn, der schon seit Mitternacht wartet, setze ich gemeinsam mit Marcus zum finalen Bettsprint an. Das war ein ganz schön langer Tag auf dem Rad, der mir aber ganz neue Landschaften nahegebracht hat, die ich sicherlich demnächst auch mal mit Anne angehen werde.

Tour

Details

 

  • Anspruch (Gesamt) 80% 80%
  • Klettern 85% 85%
  • Abwechslung 90% 90%
  • Untergrund 60% 60%
  • Mentaler Anspruch 70% 70%

Wer Berge mag und auch etwas Abenteuer, für den sind die Dresdner Brevets sicher etwas. Es gibt in Tschechien so viele schöne Ecken und in jedem Dorf bekommt man auch sonntags die Chance, seine Reserven zu füllen. Außerdem schmeckt das Bier hier besonders gut.

 

Über mich

Über mich

Martin Lechtschewski

Randonneur & Blogger

Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilo Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einen Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.