Race Across Switzerland
VorbereitungDie Radsaison ist in vollem Gange, jede Woche bewegen sich hunderte kleiner Punke über die Landkartender Dot-Watcher Websites – Hinter jeder kleinen Startnummer verbirgt sich eine ganz eigene Geschichte. Hunderte Geschichten, hunderte Gründe in die Pedale zu treten, durchzuhalten, anzukommen oder auch 100 Fragen: Warum? Weshalb? Wofür? Manchmal sind die Gründe lauter und manchmal die Fragen.
Für mich war es im letzten Jahr beim Race Across Switzerland die Frage, was wichtiger sei: ein erfolgreiches Finish oder die eigene Gesundheit. Zugegeben war der Prozess der Antwortfindung nicht leicht und dennoch stand am Ende eine Entscheidung in absoluter Klarheit mit der ich auch heute nicht hadere. Gleichzeitig heisst Scheitern für mich nicht aufgeben, sondern Schütteln, überlegen, was ich besser machen kann und wieder anmelden. Und so stehe ich am 22. Juli wieder am Start in Champagne um mich der Herausforderung erneut zu stellen. Und sie ist seit der letzten Ausgabe nicht kleiner geworden. Der grosse Unterschied in diesem Jahr ist, dass die großen „Brocken“ erst am Ende kommen und dass auch ein bisschen Gravel dabei ist. 1000 Kilometer, <17.000 Höhenmeter: Jura, Jaun, Mittelberg, Mosses, Furka, Oberalp, Lenzerheide, Julier, Albula, Davos.
Lernen aus Scheitern
Im Gegensatz zum letzten Mal starte ich zumindest mal mit einer Charakterprüfung im Gepäck. Nachdem meine längste Vorbereitungstour keine 400 Kilometer lang war und (was ich persönlich noch entscheidender finde) ich vor dem Race nicht einmal mit dem damals neuen Setup durch die Nacht geritten bin, ist vorsichtig ausgedrückt etwas „optimistisch“ gewesen. Zum Glück lag es nicht an dem neuen Licht, dass ich an meine Grenzen kam. Im Gegenteil, ich möchte auf diesen Langstrecken nicht mehr auf ein Dynamolicht verzichten. Nein, daran lag es definitiv nicht. Aber dennoch wäre es gut gewesen, den Körper an eine komplette Nachtfahrt zu gewöhnen – nicht erst dann, wenn es zählt. Das konnte ich in diesem Jahr besser machen und gleichzeitig meiner Firma etwas Geld sparen 🙂 Für meine Dienstreise nach Dresden habe ich mir kein Rückfahrtticket buche lassen, sondern bin die 700 Kilometer non-stop mit dem Rad nach Zürich gefahren. Eigentlich wäre ich gern unter 30 Stunden geblieben, aber den Plan habe ich schon nach der ersten Gewitterpause nach 25 Kilometern über Bord geworfen. 600 Kilometer harter Westwind tat sein übriges, das ganze vor allem zu einer mentalen Prüfung zu machen. Auch hat mir der Testride die ein oder andere Schwachstelle meines Setups vor Augen geführt, die ich unbedingt vor dem Start noch korrigieren muss. Insofern habe ich meine Lektion an dieser Stelle gelernt und muss jetzt noch ein paar Hausaufgaben bis zum Start erledigen.
Die Wege dazwischen
Eine konkrete Stellschraube, die ich gleich nach meinem Scheitern im letzten Jahr ist die Übersetzung. Auch hier war Ich optimistisch, dass meine 36-32-Übersetzung als kleinster Gang ausreichen würde. Heute weiss ich: spätestens an der Großen Scheidegg war das nicht der Fall. Jetzt habe ich 34-34 drauf und ehrlich gesagt, kann es spätestens nach 12 Stunden im Sattel an jedem echten Berg nicht leicht genug sein. Und auf die 52-11-Kombination kann ich in der Abfahrt gern verzichten und stattdessen mal die Beine baumeln lassen und genießen. Denn am Ende geht es doch für mich auch genau darum, die die Landschaft um mich herum zu spüren und auch einmal zu genießen. Start und Ziel werden nur zu willkürlich gesetzten Markierungen auf der Landkarte. Es geht doch am Ende um DIE WEGE DAZWISCHEN.
Über mich

Martin Lechtschewski
Randonneur & Blogger
Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilo Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"
Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen - Es geht vor allem um die Wege dazwischen.
Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einen Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking.
Mir geht es um DIE WEGE DAZWISCHEN