Race ACross Switzerland
1000 Kilometer - 17.000 Höhenmeter - 53 StundenWas bisher geschah
Das DNF aus dem letzten fühlte zwar nicht nach Niederlage an, aber eben doch irgendwie nach Unvollendung und so war ich einer der Ersten, der sich direkt wieder für die Austragung in 2026 registrierte. Irgendwie spürte ich, dass ich das besser gehen würde, wenn ich aus meinen Fehlern lernen und mich mehr auf mich konzentrieren würde. Am Ende war es mein größtes Ziel, in einen Flow zu kommen, denn mit dem kommt der ganze Rest wie von selbst. Und so wusste ich, dass ich in der ersten Rennhälfte mehr auf meinen eigenen Körper hören, als auf fremde Punkte im Livetrack schauen werde. Abgesehen davon hielt die 2026 Edition das Race Across Switzerland noch ein paar Änderungen zum Vorjahr bereit.
Race across what?
Das Race Across Switzerland ist eine Non-Supported Ultra Race, das einmal durch die Schweiz führt. Das heisst, man muss sich selbst versorgen, schauen, wie man seinen Schlaf managed und auch mit eventuellen Defekten am Rad ist man auf der Strecke allein. Das sind die allgemeinen Regeln so ziemlich jeden Ultras. Beim Race Across Switzerland gibt es noch ein paar Besonderheiten. So sind 4 Stunden kumulierte Standzeit alle 36 Stunden obligatorisch für alle Teilnehmenden – egal wie man diese verbringt. Es gibt auch einige Ausrüstungsgegenstände, die zwingend mitgeführt werden müssen. Beide Regeln dienen der Sicherheit, da sowohl starkes Schlafdefizit als auch Wetterwechsel in den Bergen als potentielles Risiko nicht zu unterschätzen sind.
Als kleinen sicheren Hafen stellt der Veranstalter bei KM 590 ein Base Camp mit Bag Drop zur Verfügung. Das heisst, dass man dort Verpflegung etc. für die zweite Streckenhälfte deponieren kann. Das ermöglicht eine autonome Verpflegung über die gesamte Strecke. Außerdem findet das ganze Event auf einer vorgegebenen Strecke statt. Man muss sich also nicht selbst um die Routenplanung kümmern wie z.B. beim Transcontinental Race. Gleiche Bedingungen für alle und keine unzähligen Stunden für Routenoptimierungen.
Und wie sieht die Strecke aus?
Die Schweiz ist nicht Holland und das spiegelt sich natürlich auch im Höhenprofil wider. 992km und 17.000 Höhenmeter sind die groben Eckdaten 2026. Definitiv kein Profil für Sprinter also 🙂
Der Start ist diesmal in der französisch-sprachigen Westschweiz in Champagne am Lac Neuchatel. Von dort geht es durch das Jura Richtung Basel, Zürich und über Luzern wieder ins Jura mit eher kurzen steilen Anstiegen, bevor die Route ins Wallis führt, wo die Anstiege länger und die Höhe über Null sich eher der 2000 nähert. Nach dem Base Camp in dem Ski-Ort Crans Montana folgen die echten Giganten der Tour mit Furkapass, Oberalppass, Lenzerheide, Julierpass und Albulapass. Danach ist allerdings noch nicht Schluss mit den Anstiegen, da die Strecke immer ansteigend bis Davos führt. Erst nach Davos folgt die letzte Abfahrt ins kleine Zielörtchen Klosters in Graubünden.
Auf zum Start
Als ich aus dem klimatisierten Zug steige, bläst mir schon der warme Wind ins Gesicht. Am Bahnsteig treffe ich gleich einen Mitstreiter aus Zürich, mit dem ich gemeinsam den richtigen Bus suche, der uns noch etwas näher Richtung Start bringt. Die üblichen Fragen: Dein erstes Mal? Was bist du schon gefahren? Fährst du auf Zeit? Gerade auf die letzte Frage fällt mir die Antwort nicht leicht, denn wenngleich ich schon schnell fahren möchte, habe ich keine ultimative Zielzeit im Kopf. Ich möchte mich ganz auf mich konzentrieren und dann einfach schauen, was geht. Aber ein Race bleibt ein Race. Zum Bikepacking brauche ich kein Event als Motivation und so ist es für mich der schmale Grat zwischen Genuss und Competition.
Zum Glück komme ich recht spät zum Start, denn diese Stunden, bevor es endlich losgeht, sind für mich die härteste Zeit. Entspannung ist dann nicht mehr möglich, ich checke nochmal, ob ich alles habe, was ich brauche: Verpflegung, Klamotten. Lädt der richtige Track? Habe ich GPS? Sind die Flaschen gefüllt? Und dann wieder von vorn. Dann geht es auch schon zum Bike Check und gleich danach zum Briefing. Es werden noch einmal die Regeln und die Highlights der Strecke besprochen. Und ich denk mir nur: „Können wir endlich loslegen, sonst drehe ich durch.“
Um 20:03:30 ist es endlich soweit. Als Starter Nummer 4 gehe ich auf die Strecke. Ich atme tief durch, klicke ein, winke freudlich den Zuschauern und weiss, dass ich zwei Kurven später ganz mit mir allein sein werde. Am Ortsausgang nehme ich langsam Fahrt auf. Die Abendsonne strahlt mir ins Gesicht, meine Arme liegen im Auflieger, die Beine machen das, worauf ich sie vorbereitet habe, der Kopf versucht ein Pacing zu finden. An den ersten Hügeln schaue ich auf die kleine Watt-Anzeige. 400 sind zu viel. Ich nehme etwas Kraft raus, schalte in einen kleineren Gang und rolle im Flow dahin. Nach ein paar Kilometern sehe ich die ersten Mitstreiter vor mir und kurze Zeit später hinter mir. Ich frage mich, ob ich überpace, aber es fühlt sich gut an also setze ich meine Reise fort. Weder vor mir, noch hinter mir sehe ich eine Menschenseele.
Am ersten echten Anstieg erreichen mich „Bon Courage“ -Rufe aus einem Auto. Es ist das Media Car, dessen Crew damit beschäftigt ist, die Impressionen auf der Strecke einzufangen. Immer wieder begegne ich ihnen auf den ersten Kilometern, als sie sich gerade an schönen Szenarien auf Aufnahmen vorbereiten, bevor die Nacht ihnen das notwendige Licht nehmen wird. Im Sonnenuntergang trete ich den immer steiler werdenden Anstieg hoch. Im Halbdunkeln erkenne ich schemenhaft die Siloutten der schlafenden Kühe. Ja, die gehören genau so zum Race Across Switzerland wie die Höhenmeter. Die Route führt über idyllisch kleine Asphaltwege von Bauernhof zu Bauernhof. Das Panorama beschränkt sich mittlerweile fast ausschliesslich auf den Lichtkegel meines Scheinwerfers. Drumherum, da, wo eigentlich Weitblick sein sollte, ist nur die Schwärze der Nacht.
Plötzlich steht da mitten in der Nacht in einem kleinen Dorf eine Frau vor einem geöffneten Kofferraum und ruft mir etwas auf französisch zu. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, dass sie hier auf die Radfahrer wartet, um sie mit Wasser zu versorgen. Nach einem kurzen Wortaustausch füllt sie mir etwas Wasser nach. Und das soll sich etwas später als Segen rausstellen. Ich habe mir entlang der Strecke immer wieder Trinkwasserbrunnen als Wegpunkte gesetzt, um meine beiden Flaschen wieder zu befüllen. Über die Flaschen decke ich nicht nur meinen Wasserbedarf, sondern auch einen Großteil meines Kohlenhydratbedarfes. Damit sind die Brunnen meine Tankstellen.
Nach etwa 120 Kilometern habe ich mir den ersten Brunnen eingeplant, um meine fast leeren Flaschen wieder aufzufüllen. Dank der Frau am Straßenrand habe ich noch einen kleine Reserveschluck in der Flasche, aber sehr weit komme ich damit sicher nicht mehr. Ich bin sehr froh, als die gesetzte Wegmarkierung vor mir auftaucht. Mitten in einem kleinen Dorf halte ich an den gesetzten Koordinaten an, um zu lauschen, wo es plätschert. Stille, keine Plätschern und auch sonst keine Geräusche. Ich rolle einmal alle Seiten des kleine Platzes ab und tatsächlich entdecke ich so etwas wie einen Brunnen. Nur Wasser fließt dort nicht. In dem kleinen Becken ist noch eine kleine Pfütze, die nicht danach ruft, in meinen Trinkflaschen zu landen. So durstig bin ich dann doch noch nicht – noch nicht.
Eigentlich ist es in der Schweiz nie ein Problem, einen Brunnen zu finden. Es gibt wenige Dörfer, wo nur eine Quelle fließt. Meist hat man eher die Qual der Wahl. Hier in der Westschweiz scheint das in dieser warmen Sommernacht nicht so zu sein. In jedem Dorf auf meinen Weg das gleiche Bild. Es gibt Brunnen, aber keiner fließt. Meine letzte Reserve ist bereits aufgebraucht und langsam wird es ernst. Ich quere immer wieder Bahnschienen auf meinem Weg. Der Track verläuft parallel zu einer Bahntrasse und so kommt mir der Gedanke, dass ich an einem Bahnhof eine gute Chance habe auf einer öffentlichen Toilette oder einen Automaten. Und so biege ich im nächsten Dorf ab, als ich das SBB-Logo an einem kleinen Häuschen erblicke und tatsächlich steht vor dem kleinen Bahnhofshäuschen ein kleiner Snack-Automat, der sogar kleine Wasserflaschen beherbergt.
Ich ziehe mein Telefon aus der Trikottasche. Das Wallet wird mir gleich Zugang zu dieser Quelle gewähren, doch als ich auf das Display schaue, sehe ich eine Meldung, die mir gar nicht gefällt: „Ihr Telefon steht in 90 Minuten wieder zur Verfügung.“. Oh, nein – offenbar hat meine Telefon ein Eigenleben entwickelt und die PIN unzählige Male falsch „eingegeben“. Heißt das jetzt Zwangspause nach 130 Kilometern? Mir fällt ein, dass ich noch eine Not-Kreditkarte in meine Radtasche gesteckt hatte für den Fall, dass mein Telefon kein Strom mehr haben sollte. Dass ich diese Karte buchstäblich so früh im Rennen „ziehen muss“, hätte ich nie gedacht. Aber zum Glück funktioniert es mit ihr und schon bald habe ich wieder Wasser und Kohlenhydrate in meinen Flaschen und die Reise kann weitergehen.
Südlich von Basel bin ich schon bald im nächsten längeren Anstieg, als plötzlich ein kleines Rücklicht vor mir auftaucht. Es kommt näher und näher und bald bin ich wieder vorn, spüre die Rücklichter der Verfolger im Nacken, auch ohne sie zu sehen. Dank meines Dynamolichtes habe ich in den Abfahrten eine gute Sicht und kann es gut rollen lassen. Dass da auf einmal ein Fuchs mitten auf der Strasse sitzt, erkenne ich schon von weitem. Als ich den Freilauf knattern lassen, erschreckt er sich aus seinen Träumereien, allerdings erweist er sich als weniger schlau als es seiner Gattung immer wieder angedichtet wird und wählt nicht den Weg weg von dem komischen schnaufenden Geschöpf, sondern entscheidet sich für den Weg in meine Richtung und damit in Richtung Verderben, Ich schaffe es nicht mal annähernd die Bremsen zu berühren. „Das wars! Jetzt rennt mir das Tier ins Rad“. Adrenalins schiesst hoch. Einen Sekundenbruchteil später rolle ich noch immer die Strasse entlang. Ich schaffe es noch, mich verwundert umzudrehen und sehe, wie der Fuchsschwanz hinter einem Zaun verschwindet. Aufatmen. Ich kann mir nicht erklären, wie er ohne Berührung zwischen meinen Rädern durchgekommen ist und beschließe, es auch dabei zu belassen.
Das Rennen findet seine Formation
Bei Kilometer 180 blitzt das erste Mal ein Licht hinter mir auf. Es ist Adrian Poulain. Wir wechseln kurz ein paar Worte. Er reklamiert, dass ich bisher so schnell gefahren sei. Ich gebe ihm noch mit, dass das ja auch ein Rennen sei, erzähle kurz von dem Fuchs und wünsche ihm eine sichere Fahrt, bevor er sich nach vorn verabschiedet. Langsam nähern wir uns dem Wendepunkt der Tour bei Dietikon nahe Zürich. Das Leben erwacht langsam wieder und die Sonne setzt sich langsam gegen die Dunkelheit durch. Auf dem welligen Profil südlich des Zürisees fahre ich gemeisam mit zwei weitern Mitstreitern – einer davon ist Régis Courteille, den ich bereits von der letzten Austragung in Erinnerung habe. Er kann sich nicht mehr an mich erinnern – noch nicht.
Wie auch auf meinen vergangen Ultra-Radevents habe ich auch diesmal eine WhatsApp-Gruppe mit Freunden und Familie im Hintergrund, die mir digitalen Winschatten spendet und sogar live eine Musik-Playliste erstellt, die mich die Anstiege hochträgt. Aber der Support bleibt nicht nur rein digital. Mein Arbeitskollege und mittlerweile auch guter Radkollege Stefan hat mit Kreide dafür gesorgt, dass ein Anstieg bei Kilometer 260 plötzlich zur „Martin-Strasse“ wird. Ich bin unfassbar gerührt von dieser Geste. „Trampe und lächle!“ steht da und genau das mache ich gerade – vor Freude. Stefan hätte eigentlich mit mir gemeinsam an der Startlinie gestanden, bis ihn eine unglückliche Serie von Trainingsunfällen zu einer Absage gezwungen haben. Dass Stefan auf der Langstrecke eine echte Kraft ist, hat er bereits mit seinem Sieg der 500 Kilometer-Strecke der Tortour eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Stefan ist auch der jenige, der mir seine wertvollen Coaching- Nachrichten zu jeder Tages- und Nachtzeit direkt auf das Garmin schickt: „Jetzt auf der langen Abfahrt gut verpflegen“, taucht da zum Beispiel auf dem kleinen Display vor mir auf. Seine Streckenkenntnis und seine Ultraerfahrug helfen mir sehr auf diesem Race und es scheint mir fast so, als schläft er genauso wenig wie ich in dieser Nacht.
Bald erreiche ich Luzern. Während Adrien sich immer weiter absetzt, bewege ich mich in einem 5-köpfigen Verfolgergruppe, wobei die Führung hier immer wieder wechselt. An diesem ersten richtigen Tag spüre ich jetzt plötzlich ein Motivationsloch. Die Fahrtrichtung führt grob wieder Richtung Start. Damit hadere ich immer. Ich mag es nicht, wieder irgendwo zurück zu fahren, aber das ist nun mal die einzige Möglichkeit, 1000 Kilometer in das kleine Alpenland zu legen.
Um 16:30 erreiche ich endlich den Genfer See nach 500 Kilometern. Die steilen Anstiege des Juras bei dieser Sommerhitze haben mich und meine 1:1-Übersetzung an ihre Grenzen gebracht. Ich halte mich nur an einem Gedanken fest, der mir von Jens Voigt in den Ohren geblieben ist: „Wenn du leidest, tun es die anderen auch.“ Also drücke ich mit allem, was ich noch habe die Rampen hoch.
Ich überhole hier wieder Règis, der sich noch immer nicht an mich erinnert. Auf dem nächsten Flachstück fährt er wieder zu mir auf: „Now I remember you! You are the crazy guy!“. 2025 hatte ich ihn und den späteren Sieger auf dem noch welligen Profil überholt, um mir etwas Vorsprung vor dem nächsten langen Pass herauszufahren. Das haben die beiden Franzosen damals als „komplett durchgeknallt“ betrachtet. Wir lachen gemeinsam darüber. Dann werten wir die letzten Kilometer im Jura aus. Er habe schon eine Beschwerde an den Race Director abgesetzt, was das bitte soll. Ich fühle mich erinnert an das Zitat von Octave Lapize aus dem Jahr 1910, als die Fahrer zum ersten Mal den Tourmalet überwinden mussten. „Ihr seid Mörder“, soll er dem damaligen Race Director Henri Desgranges nach der Etappe zugerufen haben. Heute fühle ich sowohl mit Lapize als auch mit meinem Mitfahrer. Ich hätte schmunzeln müssen über diesen Verlgleich, daher dafür war die Anstrengung gerade zu gross.
Entlang der Rhone geht es Richtung Wallis. Kurz vor Sion treffe ich Emil aus meinem alten Zuhause in Dresden. Gemeinsam nehmen wir den Anstieg zum Base Camp in Crans Montana in Angriff. 22:20 erreichen wir den Checkpoint. Die anderen Fahrer nutzen hier bereits die vorgegebene Stoppzeit mit Essen oder Schlafen. Ich lasse mir die Pasta in eine kleine Box packen, fülle meine Taschen wieder mit den deponierten Kohlenhydrate und Gels und breche nach ein paar Minuten wieder auf Richtung Hotel. Während der Rest hier nächtigt, habe ich noch 50 Kilometer vor mir. Es geht durch das Tal Richtung Brig. An dem letzte Anstieg taucht hinter einer Serpentine plötzlich eine Rundumleuchte und laute Musik schallt mir entgegen. Sie wird nur übertönt von den Motivationsrufen der Dot-Watcher am Straßenrand. Er werden einige Vergleiche aus dem Tierreich gezogen. Ich fühle mich geehrt. So cool! Aber eigentlich will ich trotzdem nur ins Bett.
Als ich mich bereits im Anflug auf mein Hotel befinde, erreicht mich ein Anruf. Die Rennleitung. Ob es mir gut gehe und ob ich die obligatorische Schlafzeit im Auge habe. Ihnen ist aufgefallen, dass ich nicht lange am Base Camp war. Ich erkläre ihnen kurz meinen Plan und sie wünschen mir eine gute Nacht. Und die brauche ich. Schnell wasche ich mein Klamotten unter der Dusche durch und löffele noch vor dem Schlafen die Pasta rein. Um 1:30 mache ich das Licht aus und stelle den Wecker auf halb sieben. Vier Stunden Schlaf möchte ich mir gönnen. Und während ich träume, ziehen Fahrer um Fahrer an mir vorbei. Allerdings weiss ich seit Paris-T
Brest, was für eine Wirkung 4 Stunden Schlaf haben können.
Tag 2 ist meiner
Als der Wecker klingelt, weiss ich sofort: „Heute ist mein Tag!“ Ich telefoniere kurz mit Anne, während ich ein paar Kekse frühstücke. Mein Klamotten sind noch etwas klamm vom Waschen, aber ich bin mir sicher, dass die Sonne das gleich regeln wird. Als ich wieder auf dem Track bin (das Hotel war etwas abseits der Strecke), spüre ich wieder Kraft in meinen Beinen. Und die wird heute auch nötig sein, denn jetzt kommen die eigentlichen Giganten der Strecke, weniger steil als das Jura, aber dafür viel länger. Das ist mein Profil. Schon nach wenigen Kilometern habe ich einige der Fahrer wieder eingeholt, die sich während meiner langen Schlafpause vor mich gesetzt haben.
Der erste „richtige“ Pass ist der Furka. Noch bevor es hinein geht, kündigt die Strasse bereits an, dass da gleich etwas kommt. Zunächst tauchen vor mir die Kehren des Grimselpasses auf, die schon imposant wirken. Doch diesmal lassen ich den links liegen und biege in Gletsch auf die eigentliche Passstrasse. Doch zuvor muss ich natürlich ein Foto von der Strasse machen. Ich bitte ein Radfahrerin kurz von meinem Namen zu gehen. Als sie mich verwundert anschaut, deute ich auf den Asphalt unter ihr und löse die Situation auf. Auch hier hat Stefan mit Unterstützung seiner Frau ein großartiges Kreidekunstwerk auf die Strasse gezaubert, dass Parallelen zur Raumfahrt heranzieht und dessen Ausmaße wie Treibstoff wirken und so zünde ich das Triebwerk und feuere hoch Richtung Bellevedere Hotel, so dass mich einige Rennradfahrer, die ich auf dem Weg nach oben einsammle etwas ungläubig anschauen und immer direkt auf meinen Rahmen schauen, wo denn der Motor sitze. Heute folge ich Christoph Strasser: „Fahr schnell. Langsam wirst du von ganz alleine.“ Und so finde ich mich schon bald in der Abfahrt und Richtung Andermatt. Dort geht es direkt in den Oberalppass, der mir auch keine größeren Probleme bereitet. Es folgt eine ewig lang Abfahrt über die Rheinschlucht und anschließend nach Chur.
Am Ortsausgang folge ich den Schildern „Lenzerheide“. Das „HC“ auf dem Garmin bedeutet meistens, dass der bevorstehende Anstieg lang oder hart wird. Für den Aufstieg in das Mountainbike-Domizil trifft beides zu. Noch dazu ist die Strasse ziemlich stark befahren, was es auch mental zur grossen Herausforderung macht. Wieder denke ich an Jens Voigt und drücke, was geht. Und so liegt auch dieser Anstieg bald hinter mir. In Lenzerheide bin ich gefühlt der einzige auf schmalen Reifen unter den ganzen Mountainbikern. In Rona höre ich plötzlich eine Stimme: „Martin, Rakete!“ Ich frage mich, ob die vier Stunden Schlaf genug gewesen waren, wenn ich schon am Nachmittag Stimmen höre. Doch die Situation löst sich schnell auf, als mein Arbeitskollege Sven plötzlich neben mir auftaucht – auf dem E-Bike in Croqs. Er hat den Livetrack aus den Ferien verfolgt, war zufällig direkt an der Strecke und hat mich dann knapp verpasst. Darauf hat er sich schnell auf das Bike geworfen, um mich noch einzuholen. Wahnsinn! Das ist echt so unglaublich.
Dieser kurze gemeinsam Moment füllt das Triebwerk wieder mit Power und so geht es jetzt mit Schwung Richtung Julier. Auch hier wieder Kreide auf dem Asphalt. Diesmal von Franzi, die übers Wochenende in der Gegend ist. Ich finde langsam in meinen Pass-Rhythmus, als von hinten ein deutscher Rennradfahrer zu mir aufschließt. Wir kommen ins Gespräch. Er ist der Ex-Profi Grischa, der einst zusammen mit Robert Müller aka Aerobert zusammen Rad gefahren ist. Trotz Gespräch fahren wir eine zügige Pace, als plötzlich ein paar Kehren über uns ein Racer auftaucht, der zu stehen scheint. Beine leer. Es ist der Vorjahressieger der 500er-Strecke. Wir ziehen vorbei und ich frage ihn, ob alles in Ordnung sei. „All good – ciao!“ ist seine kurzatmige Anwort und wir fliegen weiter Richtung Passhöhe.
Nach der schnellen Abfahrt nach St. Moritz trennen sich unsere Wege und ich breche wieder allein auf in Richtung des letzten Passes. Den Albula erreiche ich in der Abendsonne. Ich bin ganz allein und weiss, dass das auch bis ins Ziel so bleiben wird. Ich finde wieder in meinen Tritt. Allerdings hat die Strasse ihre Länge und so ist es bereits dunkel, als ich die Passhöhe erreiche. Oben ziehe ich mir das erste mal im Race die Jacke an. Es ist frisch auf 2300 Metern. In einer ewig langen und technisch anspruchsvollen Abfahrt geht es wieder runter ins Tal. Jetzt merke ich, dass es langsam Zeit wird, anzukommen. Noch eine Nacht auf dem Rad brauche ich nicht.
Der Weg nach Davos ist für mich viel härter als die Anstiege zuvor. Es kommt Wind auf und die Steigung der Strasse ist nicht zu sehen, aber in den Beinen zu spüren. Das ist der letzt mentale Härtetest im Race. Wieder ist es Stefan, der mich direkt live auf dem Garmin coacht. „Platz 5 ist sicher“. Nach dem ewig langen Tunnel erreiche ich schließlich Davos. Der letzte Pass am Ortsausgang und ab geht die letzte Abfahrt nach Klosters. Vergessen sind auf einmal die letzten harten Stunden im Sattel. Gleich bin ich im Ziel, gleich bin ich bei Anne. Gleich bin ich zuhause. Nach 53 Stunden und 3 Minuten erreiche auf Platz 5 das Ziel stolz und überglücklich. An der Ziellinie werde ich von einem Seifenblasenregen überrascht und das Grinsen in meinem Gesicht löst sich so schwer wie ein Wadenkrampf. Aber das ist nicht schlimm, das Grinsen darf bleiben. Der Plan Race Across Switzerland 2026 ist aufgegangen. Die körperliche Leistung konnte ich nur abrufen, weil ich seit 8 Monaten daran gearbeitet habe. Die mentale Leistung wurde zu einem grossen Teil von Menschen getragen, die mich alle auf ihre Art dabei so großartig unterstützt haben.
Credits
Vielen lieben Dank:
Körper,
dass du das immer so mitmachst.
Anne,
dass du mich in den Wochen vor dem Race ausgehalten hast und mich im Ziel wieder als Mensch empfangen hast.
Carina,
dass du mich auch diesmal wieder pannen- und unfallfrei ins Ziel gebracht hast.
Stefan,
Für das Live-Coaching und das Guiden durch das Race.
Andi, Artem, Daniela, Frank, Jonas, Cathleen, Anne HP, Franzi, Annett, Marie, Thomas, Paps, Christian, Kerstin, Markus, Nina, Patrick, Sven Ole, Susanne, Chrsitian, Roland, Andy, Franzi, Leo, Robin, Silke, Tim, Toni, Stefanie, Tina, Dikt, Stefanie, Rico
für den digitalen Windschatten.
Kurze Statistik zum Race Across Switzerland
Distanz: 992 Kilometer
Höhenmeter: 17.000
Zeit: 53 Stunden 3 Minuten
Standzeit: 7 Stunden 19 Minunten
Energiebedarf: 30 Pizzen
Unterwegs gegessen
- 48 Gels
- Ca. 2,8 kg Malto-Dextro-Pulver
- 1 Packung Gummitiere
- 1 Teller Pasta
- 2 Semmeln
- 4 Knacker
- 1 Eis
- 1 Cola
- 30 Liter Wasser
Das Rennen im Re-Live
Hier ist die Aufzeichnung von Follow My Challenge.
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Über mich

Martin Lechtschewski
Randonneur & Blogger
Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilo Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"
Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen - Es geht vor allem um die Wege dazwischen.
Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einen Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking.
Mir geht es um DIE WEGE DAZWISCHEN