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1000KM-Brevet Sachsen

Route auf Komoot

Schweinehitze, Hundekälte & nasse Füße

 

Letzten Mittwoch traf ich mich mit Toni am verabredeten Ort zum ausgemachten Zeitpunkt – Uns taten es reichlich andere verwegene Radfahrer gleich. Der sächsische ARA-Tausender stand an und lockte nicht nur bekannte Gesichter nach Bennewitz, sondern auch einige aus der Ferne Angereiste.

Die sächsischen Brevets haben so ihren Ruf und diesem wird auch der „Tausi“ gerecht. Gut 14.000 Höhenmeter warteten auf uns. Die anderen beiden offiziellen ARA-1000KM-Brevets in diesem Jahr im Saarland und Nordbayern hielten im Vergleich 8.000, bzw. 12.000 Höhenmeter bereit. Es hätte also durchaus einfachere Optionen gegeben, einen 1000er zu bestehen, da die Höhenmeter keinen Einfluss auf das Zeitlimit haben.

Aber egal, landschaftlich versprach die Route Spektakuläres – und man will ja auch etwas sehen unterwegs 😉 10:00 Uhr rollten wir los, zunächst alles bekannte Straßen Richtung Mittweida (wie auch schon beim 400er). Dabei haben wir uns recht schnell in einer Dreiergruppe formiert (Toni, Rico und ich). Unser Tempo war recht zügig und die Kilometer bis zur tschechischen Grenze fielen schnell. Hinter der Grenze ging es Richtung Zatec, zur zweiten Kontrolle  bei Kilometer 188. Von da an nahm der Verkehr auf den abendlichen Landstraßen sehr ab. Mit der untergehenden Sonne kehrten wir noch einmal auf ein paar Elektrolyte im Dorfbiergarten ein. Die nächste Kontrolle in Pisek würden wir sicher erst am Ende der Nacht erreichen. Die Nacht über rollten wir durch ein stilles, menschenleeres Tschechien. Ich war auf der einen Seite froh über die nette Gesellschaft, auf der anderen Seite fühlte ich ein wenig Unbehagen, weil des Tempo etwas zu langsam für meinen Geschmack war. Aber die Geselligkeit hatte die Überhand 😉 Pisek erreichten wir noch vor der aufgehenden Sonne. Nach einem Tankstellenkaffee begannen wir Tag Zwei. Im  frischen Morgennebel rollten wir weiter gen Süden. In Cesky Krumlow trafen wir auf die Moldau und suchten suchten uns ein schattiges Plätzchen am Fluss, um zwei Stunden abzumatten. So richtig schlafen konnte ich allerdings nicht. Aber zumindes tat es gut, die Beine mal kurz auszustrecken. Der Tritt war danach tatsächlich etwas frischer und die Müdigkeit auch verflogen. 

Ab über die zweite Landesgrenze

Gegen Mittag erreichten wir Bad Leonfelden in Österreich. In brutalster Nachmittgashitze ging es von dort Berg hoch, Berg runter in Richtung deutscher Grenze. Toni und ich fuhren jetzt zu zweit etwas voraus. Es lief richtig gut, bis Toni plötzlich über starke Knieprobleme klagte. So stark, dass es für ihn keine Option war, wieder nach Tschechien weiterzufahren. Für ihn war die Tour hier zu Ende.

Wir trennten uns an der Grenze. Er suchte einen Bahnhof, ich füllte meinen Vorräte wieder auf. In der Zwischenzeit hatte Rico wieder zu mir aufgeschlossen und wir setzten die Route gemeinsam fort. Vor uns lagen noch ca 450 Kilometer. Am Abend erreichten wir den höchsten Punkt der Tour in Kvilda (1150 üNN). Danach verschwanden wir in er Dämmerung auf der einsamen Straße. Unser Tempo nahm stark ab. Das spürte ich deutlich am Hintern, da das Gewicht jetzt nicht mehr auf den Pedalen lastete. Dennoch fand ich es angenehm, nicht allein durch die kalte Nacht zu müssen. Und diese Nach war wirklich kalt mit einstelligen Temperaturen. Gegen halb Drei beschlossen wir uns kurz in eine Bushaltestelle zu legen. Ich schlief sofort ein und wachte erst wieder auf, als mich Rico fröstelnd weckte. Er hatte recht. Es war Zeit, weiter zu fahren. Die Erkältung war uns schon auf den Fersen.

Fortan (ich hatte alles an, was ich mithatte) war ich unglaublich dankbar über jeden Anstieg. Umso steiler, umso besser. Denn das bedeutete Wärme. Die damit verbundenen Abfahrten waren mir ein Graus. Schlotternd hielt ich mich am Lenker fest und hoffte auf den nächsten Anstieg. Aber der ließ, Olafs Routenplanung sein Dank, nicht lange auf sich warten!

Im Solo Richtung Ziel

Kurz vor Fünf erreichten wir Plana. Wir warteten die 10 Minuten, bevor die Tankstelle endlich ihre Pforte öffnete und wir uns an dem heißen Kaffee festkrallen konnten. Endlich Wärme! Da ich noch überschüssige Reserven in den Beinen hatte und ein drittes Mal Dunkelheit auf jeden Fall vermeiden wollte, beschloss ich von nun an, wieder meinen Rhythmus zu fahren und verabschiedete mich dankbar von Rico, mit dem ich durch zwei Nächte pedaliert war. Ich erreichte recht zügig die deutsche Grenze und hatte jetzt ein Ziel vor Augen: Soljanka vor Sonnenuntergang. Die Beine fühlten sich locker, Optimismus machte sich breit. Die 60-Stunden-Grenze war noch greifbar!….. Und dann kam der Regen! In Selb begannen kleine Tropfen auf die Straße zu fallen, immer mehr und innerhalb weniger Minuten hatte sich ein ordentlicher Regen gebildet. Die Temperaturen waren über Nacht so stark gefallen, dass ich wieder alles angezogen hattee, was mit war. Leider hatte ich aus Optimismus meine Regenfüßlinge weggelassen. Das bereute ich jetzt. Mein Socken waren von kaltem Wasser durchtränkt, die Füße eiskalt. Ich überlegte, wie ich dem Problem mitten in der Pampa begegnen konnte. Mir fielen die zwei Plastikzipptüten in meiner Satteltasche ein. Ich hielt an, zog sie aus der Tasche, stülpte sie über die beiden Socken und zog die Schuhe wieder drüber. Es dauerte ein paar Minuten, aber dann waren die Füße zumindest wieder warm, wenn auch nicht trocken. Mir war auch klar, dass ich diese Verpackung erst in Bennewitz wieder öffnen würde.

Überraschungsbesuch auf der Strecke

Der Regen ließ erst nach, als ich das Vogtland nach 3 Stunden hinter mir gelassen hatte. Dann kam sogar wieder die Sonne raus. Die Straßen wurden jetzt bekannter. Werdau war erreicht. Die letzte Kontrolle vor dem Ziel. Noch 100 Kilometer. Ich trat fortan jeden Anstieg im Stehen hoch, um meine Knie zu entlasten. Am frühen Abend erreichte ich die 1000-Kilometer-Durchfahrtskontrolle vor Colditz. Ich beschloss, eine letzte kurze Pause einzulegen, als plötzlich ein Auto neben mir hielt. Die Türen öffneten sich. Meine Eltern kamen auf mich zu. Ein bewegender Moment! Sie waren dem Live-Tracker gefolgt, als ich heimatnah Richtung Ziel unterwegs war. Nach einem kurzen Plausch und Umarmungen trat ich voller Energie Richtung Ziel. In Bennewitz erwartete mich nach weniger als 60 Stunden meine Freundin Anne gemeinsam mit Carolin. Auch Toni war pünktlich zum Ziel gekommen. In diesem Moment fragte ich mich, wer hier mehr gelitten hatte: Anne, die zwei schlaflose Nächte in Gedanken bei mir war oder doch Toni, der so schweren Herzens die richtige Entscheidung getroffen hatte, abzubrechen?

Das Ziel führte uns alle wieder zusammen.  Ich bin so glücklich, euch um mich zu haben!  Ihr begleitet mich auch durch die kälteste Nacht!

In diesem Sinne, Kette rechts!

Tour

Details

 

Die sächsischen Breites sind bekannt für ihr vertikales Profil. Man sollte die knackigen Anstiege in Tschechien nicht unterschätzen. In Österreich verläuft die Strecke auf einer recht stark befahrenen Hauptstraße. Besondere Vorsicht ist geboten bei nächtlichen Abfahrten auf dem „Rückweg“ durch Tschechien. Schlaglöcher erreichen hier eine bisweilen beachtliche Größe. 

  • Anspruch (Gesamt) 95% 95%
  • Klettern 85% 85%
  • Abwechslung 85% 85%
  • Abwechslung 85% 85%
  • Untergrund 50% 50%
  • Mentaler Anspruch 90% 90%

Über mich

Über mich

Martin Lechtschewski

Randonneur & Blogger

Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilogram Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen zu können oder zu wollen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einem Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.