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Himmelfahrt nach Frankfurt

Route auf Komoot

Es brauchte keinen Wecker. Aus eigenem Antrieb öffnete ich kurz nach Mitternacht meine Augen , sprang in mein Radkostüm schluckte etwas Kaffee, der noch schwärzer war als diese milde Frühlingsnacht. Kurz nach halb eins saß ich dann auch schon auf Barbara mit Kurs West. Die Fahrt durch die Nacht weckte einige Erinnerungen an Paris. Über menschenleere Straßen folgte ich dem Lichtschein meiner Helmlampe (aka Hirnbirn). Der Tacho fiel in diesem flachen Gelände dabei nur selten unter die 30. Dass das nicht so bleiben würde, war mir vollkommen klar. Nach 3,5 Stunden Fahrt hatte ich in Jena die ersten hundert Kilometer im Sattel, während in einigen Bars und Kneipen noch gefeiert wurde. Ein Viertel der Strecke war geschafft und ich fühlte mich erstaunlich frisch, dafür, dass ich nur anderthalb Stunden geschlafen hatte.

Bereits am Ortsausgang Jenas hatte das flache Gefilde ein Ende. Es ging nun recht hart bergan, sodass ich nach wenigen Kilometern den Schein der Stadt im Tal hinter mir sehen konnte. Der Himmel färbte sich langsam Blau und die Vögel kündigten den bevorstehenden Männertag an. Und dann war noch dieses klackende Geräusche eines kleinen Steinchens im Reifenprofil, dem innerhalb eines Augenblickes der Klang einer Alufelge auf Asphalt folgte. Einmal in zwei Jahren kann das ja mal passieren, auch wenn es 5 Uhr morgens in der thüringischen Pampa ist. Das vermeintliche Steinchen entpuppte sich als Kopf eines 3cm langen Nagels der komplett im Mantel verschwunden war. Dem hätte sicher auch kein Marathon standgehalten. Aber was soll´s? Nach 10 Minuten war der neue Schlauch im Reifen. Nach zwei Minuten Pumpen hätte es weitergehen können, ABER aus meiner Pumpe kam nicht mehr als ein flaues Pfff. Ein lauter nicht jugendfreier Ausruf durchbrach die morgendliche Stille, als ich realisierte, dass es einfacher wäre, meinen Reifen mit meinem Mund aufzublasen, als durch diesen Rest einer Pumpe mit Luft zu füllen. Zerknirscht trabte ich den Track auf dem GPS folgend ins nächste Dorf. Aber auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen. 5:30 Uhr war offenbar keine Zeit, um am Feiertag aufzustehen. Diese Leute hier wussten scheinbar nicht, was sie verpassten. Ich trabte noch ein Dorf weiter (gleiche Szenerie) und noch eins. Kurz vor 7:00 kam ich an einer Bäckerei vorbei, die sogar gerade geöffnet hatte. Als die Bäckersfrau mir zwar nicht mit einer Pumpe dienen konnte, so nahm ich zumindest mal einen Kaffee entgegen und wartete auf eine Lösung. Kurz darauf trat ein Mann durch die Tür, dem die Bäckerin gleich von meinem Problem erzählte. Sofort erklärte er sich bereit, zu sich Heim zu fahren und mir eine Pumpe zu bringen! Durch ihn saß ich halb 8 wieder auf dem Rad. Das Hinterrad war zwar weit entfernt von prall gefüllt (am Ende der Tour waren es gerade einmal 3 Bar), aber das war nun mal alles, was die Pumpe made in GDR hergab.

Tour

Details

 

Die Route verläuft größtenteils auf kleinen Straßen. Die mentale Herausforderung besteht darin, dass es im zweiten Drittel noch einmal bergig wird, bevor es runter an die Nidda und schließlich nach Frankfurt geht. An einem langen Sommertag ist es mit etwas Dunkelheit fahrbar. 

 

  • Anspruch (Gesamt) 85% 85%
  • Klettern 70% 70%
  • Abwechslung 95% 95%
  • Untergrund 50% 50%
  • Mentaler Anspruch 70% 70%

Über mich

Über mich

Martin Lechtschewski

Randonneur & Blogger

Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilogram Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen zu können oder zu wollen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einem Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.