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Paris-Brest-Paris 2015

Route auf Komoot

EINE GESCHICHTE IN KILOMETERN

Kilometer 0

Endlich geht es los. In wenigen Sekunden wird die Strecke für uns freigegeben. Über ein Jahr nach unserem ersten Brevet stehen wir jetzt inmitten einer Menge von Radenthusiasten. Das von vielen Mitmenschen mit Unverständnis als unzeitgemäßer Unsinn abgetane Vorhaben, 1200 Kilometer mit dem Fahrrad am Stück zu fahren, erscheint hier plötzlich als das Normalste der Welt. Es wäre eher eigenartig, nicht zu fahren. Ich schaue mir die anderen Fahrer links und rechts neben mir an. Obgleich sie eine Maske der Gelassenheit tragen, ist die Nervosität in der Luft zu spüren. Ich versuche in den Gesichtern zu erkennen, ob es sich um gestandene Randonneure handelt oder ob sie, wie wir, ihr Debüt geben. Die Gesichter verraten allerdings nicht viel. Auch Wiederholungstäter müssen ergriffen sein von der Mystik hinter dieser Traditionsveranstaltung.Eine Stimme aus den Lautsprechern zählt herunter: 3,2,1! Radschuhe schleifen über den Asphalt und werden nach und nach in die Pedale geklickt. Das Feld setzt sich langsam in Bewegung. Paris, wir sehen uns in 90 Stunden wieder! Spätestens! Ich versprech`s!

Kilometer 2

Unter viel Jubel rollt ein bunt gemischtes Feld aus Radfahrern durch die Straßen Gyancours. Auf ihren Trikots ist die Herkunft der Träger leicht abzulesen. Sie kommen aus Frankreich, Italien, Griechenland, England, den USA, Brasilien aus Japan, China, Korea, Singapur, Taiwan, aus Russland, der Ukraine, Bulgarien und aus Sachsen. Plötzlich bekommen Nationen Gesichter. Man nickt sich respektvoll zu, wünscht sich hier und da eine gute Fahrt. Am Straßenrand stehen die ersten Pannenopfer, während der große Tross feierlich die Stadt verlässt.

Kilometer 220

 Die erste Kontrollstelle ist erreicht. Die Nacht ist kälter als erwartet. Ich bin müde, aber zu aufgekratzt, um zu schlafen. Trotzdem muss eine längere Pause sein. Wir legen uns auf den Boden in der warmen Versorgungsstelle. Ich schließe die Augen, aber schlafe nicht ein. Die 45 Minuten vergehen ziemlich schnell. Ich schaue auf mein Handy und warte auf das bevorstehende Klingeln des Weckers. Können Benedikt und Toni hier zwischen Tischbeinen und Stühlen und der Geräuschkulisse einer Bahnhofshalle wirklich schlafen?

Kilometer 220

Wir fahren durch die kalte Morgendämmerung, Die Sonne in unserem Rücken hat es noch schwer, sich gegen den feuchten Nebel durchzusetzen. Der Straßenrand ist gesäumt von in Totenstarre herumliegenden Radfahrern. Einige haben es gerade noch geschafft, den Lenker loszulassen, befinden sich ansonsten noch in ergonomischer Radfahrerhaltung – nur eben horizontal. Einige tragen nur kurze Radklamotten, so dass ich mich angesichts der Temperaturen im einstelligen Bereich tatsächlich frage, ob diese Nacht nicht bereits erste Menschenopfer gefordert habe. Nur eine leichte Bewegung des Brustkorbs verrät, dass alles ok ist und sie höchstens im Koma liegen. Die Sonne geht langsam auf. Selten fühlten sich ihre wärmenden Strahlen so angenehm an auf der Haut. Der Morgentau auf meinen Armen trocknet langsam. Die Müdigkeit der letzten Nacht scheint vergessen. Ein neuer Tag beginnt. Die Euphorie ist wieder da.

Kilometer 410

Wir sitzen in der Sonne auf dem warmen Asphalt. Ein Streckenfahrzeug fährt vor. Ein junger Mann steigt aus und grüßt uns. Er warte auf den Führenden, der gleich aus der Gegenrichtung komme und auch Deutscher sei. Woher weiß er, dass wir…achja, unsere Trikots hatte ich vollkommen vergessen. Tatsächlich grüßt uns fünf Minuten später im Vorbeifahren eine lässige Stimme: „Hey Jungs!“ und verschwindet kurz darauf in unserem Rücken. Der hat es gut! Der ist zum Abendbrot wieder zurück, während wir noch nicht mal den Wendepunkt am Atlantik erreicht haben. Aber immerhin liegen die bevorstehenden Kilometer nur noch im dreistelligen Bereich.

    Kilometer 500

    Gemeinsam mit einem Franzosen brausen wir durch die zweite Nacht. Endlich purzeln mal ein paar Kilometer. Abwechselnd fahren wir vorn im Wind. Aber langsam wird die Müdigkeit zu einem unerbittlichen Gegenspieler. Im Vorbeifahren taucht plötzlich eine Geheimkontrolle auf. Aber wir werden nicht kontrolliert, weil wir in die falsche Richtung fahren. Die ist wohl erst für den Rückweg. Trotzdem fragen wir nach einem Schlafplatz und liegen kurze Zeit später zu dritt auf einer alten Matratze hinter der Kantinenküche. Selten habe ich so bequem gelegen. Alles ist gut.

    Kilometer 810

    Alles ist scheiße! Es ist bitterkalt. Da nützt auch die Rettungsdecke nicht viel. Mitten in einem kleinen Dorf liegen wir auf einer Holzterasse und suchen Schlaf. Aber der lässt sich hier nicht finden. Wir fahren nach einer Stunde weiter, kaum weniger müde als zuvor. Es ist immer noch hundekalt. Selbst in Bewegung zittern meine Arme.

    Kilometer 865

    In der Kontrolle in Titaniac ist die Stimmung am Boden. Keiner von uns hat in den letzten 24 Stunden geschlafen und noch dazu liegen wir nicht sonderlich gut in der Zeit. Dieser Moment in der morgendlichen Kälte ist die bisher härteste Zerreißprobe für unser Dreierteam.

    Kilometer 1089

    Immer wieder sind wir in den letzten Stunden durch Menschentrauben gefahren, die uns mit „Alez“- und „Bon Route“-Rufen aufmunterten. Und sie haben es geschafft. Es macht wieder Spaß! Wir kommen voran. Nur noch 140 Kilometer. Was wir in Mortagne au Perche erleben, übersteigt meine bisherigen Erwartungen bei weitem. Wir finden uns in einem engen Spalier von Menschen wieder. Die Ankunft in der vorletzten Kontrolle auf der Strecke gleicht einem Tour-de-France-Etappenziel. Raus geht´s aus dem Sattel, als wären wir eben erst gestartet. PARIS, wir kommen pünktlich!

    Kilometer 1140

    Wir fliegen durch die Nacht. Leider ist sie nicht besonders geräuschlos seit wir die drei Polen eingesammelt haben, die offenbar der Ansicht sind, eine Pauschalreise in unserem Windschatten gebucht zu haben. Ich höre auf zu treten und fahre raus aus der Formation, um sie einmal vor zu lassen, höre aber nur ihre Freiläufe rattern. Erst als wir vollends anhalten, rollen sie etwas verdutzt langsam vorbei. Wir warten kurz ab. Dann starten wir wieder, um sie mit viel Schwung stehen zu lassen. Toni führt die Attacke an, Benedikt und ich folgen ihm. Mit einer guten 40 pirschen wir uns an die drei langsam abwartend rollenden Windschattenlutscher an. Im Lichtkegel vor uns sehen wir, wie sie langsam beschleunigen, um sich uns wieder anzuschließen. Toni gibt noch mehr Kraft auf die Pedalen. Im belgischen Kreisel manövriere ich mich vor Toni und fühle mich genötigt, noch etwas mehr Druck zu geben. Hinter mir nehme ich immer noch die Lichtkegel der Polen verschwommen wahr. Ich glaube, Toni sagen zu hören: „Die sind immer noch dran!“. Jetzt trete ich wie ein Irrer, im Nachhinein betrachtet absolut unverhältnismäßig, aber in diesem Moment schien es das wichtigste zu sein, diese Schnurrer loszuwerden. Als ich mich wenig später rumdrehe, ist Benedikt verschwunden. Auch von den Polen ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Toni fragt mich, was mit mir losgewesen sei. Er habe doch gerufen, dass wir die Windschattentouristen schon längst abgehängt hatten. Ups, das hatte ich dann offensichtlich falsch verstanden. Kurz darauf fahren wir in unserer 3er-Konstellation und in normalem Tempo weiter durch die Nacht und kommen sehr gut voran.

    Kilometer 1225

    Nach zwei Stunden Schlaf unter einem Tisch (wir hatten schon lange keinen so erholsamen Schlaf mehr gehabt), riechen wir den Champus, der im Ziel auf uns wartet, förmlich schon. Kurz vor der Zielgeraden werden unsere Trikots dann auch noch einmal vollkommen durchgespült vom einsetzenden Regen. Aber das ist jetzt auch egal. In wenigen Kilometern erreichen wir das Velodrome. Irgendwie lässt und der Regen unsere Ankunft gar nicht so richtig zelebrieren. Der Champus schmeckt ganz ok, das kalte Uri unter der heißen Dusche ist allerdings von nichts zu toppen.

    Tour

    Details

     

    Es ist der Klassiker der Rennrad-Langstrecke, der alle 4 Jahre von der französischen Hauptstadt an den Atlantik führt und wieder zurück. Offizielle Verpflegungsstationen gibt es ca. alle 80 Kilometer, aber im Grunde ist es das längste Volksfest der Welt. Auf den 1200 Kilometern steht eigentlich in jedem Dorf jemand, der einem Wasser, Kaffee, Crêpes oder alles auf einmal reicht. Das Zeitlimit beträgt 80 oder 90 Stunden. Ein abwechslungsreiches Abenteuer, bei dem man nur auf eins verzichten muss: ausreichend Schlaf.
    • Anspruch (Gesamt) 95% 95%
    • Klettern 50% 50%
    • Abwechslung 60% 60%
    • Untergrund 90% 90%
    • Mentaler Anspruch 90% 90%

    Über mich

    Über mich

    Martin Lechtschewski

    Randonneur & Blogger

    Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilogram Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

    Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

    Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen zu können oder zu wollen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einem Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

    Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.