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Dresden - Frankfurt

Route auf Komoot

Der Plan, die Strecke von Dresden nach Frankfurt in diesem Jahr gemeinsam mit Anne auf den Rädern am Stück zu fahren existierte bereits seit Anfang des Jahres. Immer mal wiede haben wir uns abends zusammen gesetzt und wieder ein Stück vom Track unter die Lupe genommen. Prämisse: möglichst wenige Höhenmeter und keine großen Straßen. Komoot lieferte dabei das grobe Gerüst, dass wir uns dann aber noch optimiert haben.

Letzten Freitag haben wir das Ergebnis aufs Garmin gespielt…Da dauert der Kopierprozess dann doch den ein oder anderen Moment länger – so, als wolle das Garmin nochmal nachhaken: „Wie, Streckenlänge 550 Kilometer? Seid ihr noch ganz knusper?! Dafür wurde ich nicht gemacht…“

Pech gehabt, da musste das Garmin jetzt durch. Wir jedenfalls hatten keine Befürchtungen. Ein leichter Rückenwind aus Osten trug uns die ersten Kilometer durch des Elbtal und  dann über Döbeln nach Bad Lausick. Nach 100 Kilometern waren wir immer noch sehr optimistisch – Das Ganze jetzt noch vier Mal ungefähr! So nahmen wir weiter Kurs Richtung Westen und hatten bald die untergehende Abendsonne vor uns. Nach etwa 200 Kilometer auf einer kerzengerade Straße höre ich plötzlich ein Scherbeln hinter mir. Ich drehe mich um und sehe noch wie Anne kopfüber auf dem Grasstreifen neben der Straße landet. Oh, nein! Nach einem kurzen Schrecken ist aber alles gut. Die Blessuren würden sich in den kommenden Tagen bemerkbar machen. Und besser hier stürzen als in einer nächtlichen Abfahrt im Middle of Nowhere Also wieder aufsitzen und weiter – Wir sind ja schließlich nicht beim Fußball!

Garmin will am liebsten fliegen

In Erfurt legten wir unseren nächsten Tankenstopp ein gegen halb Zwölf. Jetzt ging es in die Nacht. Diese Erfahrung hatten wir bei zwei Vorbereitungstouren Neuseen-Ründchen und der Runde vor dem Sturm bereits gemeinsam erlebt, für Anne war es jetzt aber das erste Mal schon mit einer Vorgeschichte von 200 Kilometern in eine Nacht zu fahren. Das ist dann schon nochmal ein Unterschied. Allerdings hatten wir neben der üblichen Phase um Mitternacht keine größeren Probleme mit der Müdigkeit. Nur das Garmin war nicht so ganz bei der Sache, da es mir als zu fahrende Strecke nur noch die Luftliniendistanz zur Verfügung stellte. Offenbar etwas für die Garmin-Bug-Liste, denn Querfeldein war nicht die gewählte Routingoption…

Über Waltershausen und Eisenach ging es weiter nach Westen – die ICE-Trasse immer im Blick. Dann endlich die Landesgrenze. Jetzt waren wir schon mal in Hessen. In Bad Hersfeld erreichten wir pünktlich zur Frühstückszeit eine qualifizierts Bäckerei / Café mit einer guter Auswahl randonneursgerechter Frühstücksspeisen, die im wesentlichen drei Punkte erfüllen müssen:

  • hochkalorisch
  • warm
  • koffeinhaltig

Die Nacht ist überstanden

Am Vormittag zogen immer mehr Wolken auf. Die Temperaturen waren weiterhin überhalb der 20°C – Perfektes Radwetter. Bald würden wir den letzten „Gipfel“ im Höhenprofil erreicht haben, dann sollte es mehr oder weniger bergab gehen. Allerdings kam allmählich wieder Wind auf, der immer heftiger wehte – und das natürlich von vorn. Ich versuchte, Anne Windschatten zu geben, so gut es ging, aber so richtig gut rollte es nicht mehr. Das lag aber auch an den verwurzelten Radwegen, die immer wieder den Schwung rausnahmen. Jetzt war es nur noch eine Willenssache. Nach zwei weiteren Stunden Kampf gegen den Wind rollten wir in Hanau an den Main! Jetzt konnte der Wind noch so blasen, wir würden schon bald unser Finisher-Bier in der Hand halten! Für Anne war es ein sehr bewegender Moment, vor ein paar Stunden noch die Silhouette der Frauenkirche hinter sich gelassen zu haben und jetzt auf die Skyline zu schauen und in der alten Heimat zu schauen.

Am Ende des Tages ist es wieder mal die Bestätigung, das Heimat kein Ort ist, sondern die Menschen, die einem wichtig sind. Insofern schafften wir es noch zum heimatlichen Grillen, bevor wir komatös auf der Couch landeten.

Es war etwas sehr besonders, diese Momente, die man auf seiner Tour erlebt, miteinander teilen zu können. Chapeau an Anne, die von Null auf 550 Kilometerkam in nur 9 Monaten – Das hat bei mir länger gedauert!

Tour

Details

 

Die Strecke verläuft größtenteils auf sehr ruhigen Straßen. Es gibt nur wenige kurze Gravel-Passagen, die aber mit 28er-Bereifung alle fahrbar sind.  Das Höhenprofil hält keine größeren Herausforderungen parat, dafür ist es nicht die kürzeste Strecke zwischen beiden Strecken. Der nächtliche Teil in Thüringen sollte so geplant werden, dass man 24h-Tankstellen als Anlaufstelle für Nachschub hat. Wer etwas spartansicher auskommt, kann sich natürlich auch Friedhöfe auf dem Track markieren, um zumindest das Wasser nachts auffüllen zu können.

  • Anspruch (Gesamt) 50% 50%
  • Klettern 30% 30%
  • Abwechslung 75% 75%
  • Untergrund 80% 80%
  • Mentaler Anspruch 90% 90%

Über mich

Über mich

Martin Lechtschewski

Randonneur & Blogger

Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilogram Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen zu können oder zu wollen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einem Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.