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Bike to work

Route auf Komoot

700 Kilometer nonstop

Der Plan existierte schon seit 2 Jahren in meinem Kopf. Entstanden ist er vermutlich auf meinem Arbeitsweg. Tagtäglich lege ich den per Velo zurück, wie meine Schweizer Kollegen sagen würden. Die 24 Kilometer pro Strecke erscheinen vielen schon als unüberwindbare Distanz. Ich versuche es immer damit zu erklären, dass das Radfahren für mich Stressabbau und Meditation zugleich ist. Die Alternative, mit Zug oder Auto zu pendeln, sehe ich nur bei Glatteis (Hier machte „Versuch gluch“, wie die sächsischen Kollegen sagen würden) und wenn ich 150kg Equipment transportieren muss.

Der Plan

Aber zurück zu meinem Plan: Da ich hin und wieder zum Headquarter in der Nähe von Zürich reise (und das leider nicht immer nachhaltig) war es für mich klar, dass ich irgendwann einmal auch diese Strecke wie meinen täglichen Arbeitsweg mit dem Rad angehen würde. Da ich das Ganze in Brevet-Manier mit Rennrad und minimalistischstem Gepäck angehen wollte, war ich natürlich auf die Unterstützung meiner netten Kollegen, sowohl in Sachsen als auch in der Schweiz angewiesen, die dafür gesorgt haben, dass sowohl mein Koffer, als auch mein Arbeitsmaterial pünktlich ankamen. Vielen Dank für diese großartige Unterstützung! Jetzt musste nur ich noch abliefern.

700 Kilometer nonstop

Es ist ein Freitag im September, als ich Carina – mein Langstreckenross – die Treppe heruntertrage. Der heiße Sommer scheint vorbei zu sein, die letzten Nächte waren kühl, die vergangenen Tage weniger heiß. Nicht ganz optimal für mich, der lieber bei 30°c unterwegs ist als bei 15. Aber der Plan steht und das Wetter scheint zumindest stabil zu bleiben. Meine persönliche „Bike2Work“- Herausforderung kann also starten. Vor mir liegen ziemlich genau 700 Kilometer, die ich ohne Schlafpause mehr oder weniger nonstop hinter mich bringen will.

Die Route, die ich in den ich in den letzten Wochen geplant habe, wird mich von Dresden über Chemnitz, Bayreuth, Nürnberg und Ulm am Bodensee vorbei nach Zürich führen und insgesamt ca. 7000 Höhenmeter bereithalten. Es ist nicht das flachste Profil für diese Strecke. Man könnte sich an der Donau orientieren und damit einige Höhenmeter sparen, allerdings gewinnt man dann schnell 150 Kilometer dazu. Also fällt meine Entscheidung auf den direkteren und für mich auch schnelleren Weg, da mir Berge auch besser liegen als flache, windanfällige Abschnitte.

Erstmal Rückenwind

Ich verabschiede mich Punkt 10:00 Uhr von Anne, klicke in meine Pedale und folge der kleinen Linie auf dem Garmin. „Noch 682 Kilometer bis zum Ziel“ Diese Information drücke ich weg. Auf einer solchen Strecke denke ich in Abschnitten. „Noch 98 Kilometer bis zur ersten Tankstellenpause.“ Damit kann ich arbeiten. Der Rückenwind aus Nordosten bringt mir noch nicht viel, weil mich Ampeln und Baustellen immer wieder ausbremsen. Das Learning: Es macht immer auch Sinn, sich die ersten und letzten Kilometer einer Tour genau anzuschauen. Für diese Reise habe ich diese Abschnitte allerdings vernachlässigt, wie sich noch herausstellen wird. Auf einer nicht ganz optimalen Route verlasse ich also langsam städtisches Gebiet und kreuze den Tharandter Wald in Richtung Freiberg. Ich habe versucht, die Route so zu gestalten, dass ich tagsüber vorzugsweise auf kleinen Straßen unterwegs bin und mich nachts eher an größeren orientiere. Damit will ich einen guten Kompromiss zwischen Genuss und Vorankommen schaffen. Nachts ist meist kaum Verkehr und große Straßen sind dann sicherer zu befahren, da sie meist weniger Schlaglöcher aufweisen und besser markiert sind als kleine Wirtschaftswege und Nebenstraßen.

Die ersten 200 sind schnell geschafft

Durch den mittlerweile recht ordentlich pustenden Rückenwind bin ich nicht nur sehr zügig in Freiberg, sondern recht bald lasse ich auch Chemnitz hinter mir und erreiche in Lugau nach 100 Kilometern meine erste eingeplante Tankstelle. Ich habe mir bewusst Tankstellen als fixe Verpflegungspunkte ca. aller 100 Kilometer eingeplant (im zweiten Streckenabschnitt etwas dichter). Die Öffnungszeiten habe ich vorher bei Google gecheckt und mir auch die Fotos von vor Ort angeschaut und dennoch ist mir hier ein Faupax unterlaufen, wie sich auch später noch zeigen soll. Nachdem die Flachen wieder gefüllt sind, starte ich auf den nächsten Streckenabschnitt – nicht nach Zürich, sondern zum erstmal Edeka in Schwarzenbach an der Saale bei Kilometer 205. Trotz der vielen Höhenmeter auf den ersten 200 habe ich auch dank des Windes, der noch immer aus Osten bläst, fast einen 30er-Schnitt. Mir ist klar, dass ich den nicht halten werde, aber anstatt langsam loszufahren, starte ich lieber schnell, überzeugt davon, dass ich von ganz allein langsamer werde. Wichtig ist es für mich dabei nur, nicht im roten Herzfrequenzbereich abzuhängen. Da ich mit Pulsgurt fahre und meine anaerobe Schwelle kenne, muss ich mich dabei nicht auf mein Gefühl verlassen, sondern lasse mich auch vom Garmin anpiepsen, wenn ich überpace. An den Bergen drücke ich gern etwas mehr und lasse dafür im Flachen lieber etwas mehr rollen. Nach der Pause auf dem Edeka-Parkplatz zwischen Einkaufswagengarage und Bierkästen möchte ich noch so viele Kilometer bei Tageslicht abspulen wie möglich. Bis zur nächsten Tankstelle sind es noch circa vier Stunden Fahrt.

Benzin in die Flasche?

EVom Feierabendverkehr bekomme ich auf den kleinen Landstraßen recht wenig mit. Nur kurz vor Bayreuth, das ich gegen 19:30 erreiche, wird der Verkehr etwas dicker. Allerdings führt mich mein Track über gute Radwege recht zügig durch die Stadt, so dass mir hier nicht so viel Zeit verloren geht. Generell versuche ich zwar, größere Städte auf langen Strecken zu umfahren, aber auf dieser Route hätte das noch mehr Höhenmeter bedeutet und außerdem bringen Städte auch etwas Sicherheit mit sich, was Verpflegung angeht oder falls es doch einen Plan C braucht (Radservice, Übernachtung, Zugfahrt). Ich habe noch eine halbe Flasche Wasser, als ich nach 270 Kilometern das Örtchen Pegnitz erreiche, wo ich an einer 24h-Tankstelle meine Vorräte wieder auffüllen möchte. In 100 Metern soll mich schon der helle Schein meiner nächsten eingeplanten Tankstellen-Oase blenden. Stattdessen strahlt mein Scheinwerfer in die kleinstädtische Dunkelheit. Das verheißt nichts Gutes. Meine Befürchtung wird schnell zur Gewissheit. Wo tagsüber eine Tankstelle wartet, empfängt mich nachts nur ein Tankautomat. Da Benzin nicht nur aufgrund des ausgelaufenen Tankrabatts keine gängige Option darstellt, halte ich an, um nach einem Plan B zu suchen. In ca. 40 Kilometern habe ich die nächste geplante Tankstelle auf dem Track. Damit sollte ich mit meiner Flaschenfüllung noch irgendwie hinkommen ohne einen nächtlichen Ausflug auf einen Friedhof (eine sehr sichere nächtliche Wasserquelle). Allerdings frage ich mich, ob es sich bei meiner nächsten Station vielleicht auch wieder um einen Tankautomaten handeln könnte? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Ich streife mir die Weste und die Kniewärmer über und starte wieder in die ländliche Dunkelheit. Nach 313 Kilometern komme ich in Lauf an der Pegnitz endlich zu einer Tankstelle. Natürlich freue ich mich, als mir das warme gelbe Licht hinter der Glasscheibe die mit allerlei kulinarischen Kostbarkeiten gefüllten Regalreihen verführerisch illuminiert. Die Tankstelle hat geöffnet, es ist nicht nur ein Nachtschalter. Ich trete ein. Es ist warm, es gibt Pizza – also echte Pizza. Bin ich im Paradies?

Tante Emmas Automat

Vor 10 Minuten noch mit knurrendem Magen über dunkle Felder gerollt und jetzt gibt es Pizza fast wie bei Italiener. Super-Nice! Nachdem ich mich im Warmen gestärkt habe und mich beinahe in Sozialstudien des nächtlichen Vorstadttankstellentreibens verloren hätte, breche wieder auf. „Nachts treffen hier schon komische Gestalten aufeinander“, spricht der ganz normale Radfahrer und setzt seine Fahrt fort. Um Mitternacht durchquere ich nach 330 Kilometern Nürnberg. Um diese Zeit komme ich sehr zügig auf großen Straßen durch die Stadt und bin schon bald wieder in der dörflichen Dunkelheit unterwegs. Meine Route verläuft hier häufig auf guten Radwegen und die Kilometer schrumpfen. Die Erfahrung mit dem Tankautomaten geht mir dennoch nicht aus dem Kopf. Wenn das auch die nächste geplante Tankstelle betrifft, werde ich das gleiche Problem wieder haben. Ich beschließe in dieser ländlichen Gegend, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, meine Flaschen wieder zu befüllen. Noch während ich den Gedanken zu Ende denken will, nehme ich im Augenschein der Dorfstraße einen beleuchteten Holzverschlag wahr. Im ersten Moment denke ich, das ist aber eine schicke Bushaltestelle. Doch einer Intuition folgend halte ich ein paar hundert Meter später an, und fahre zurück, um mir das genauer anzusehen. Und tatsächlich, was mich hier erwartet, ist gar keine Bushaltestelle, sondern ein Lebensmittelautomat. Neben Milch, Wurst, Möhren, Nudeln, Konserven kann ich hier auch ein paar Getränke gegen Münzen auslösen.

Gut versorgt mit Pökelfleisch und Bio-Eiern geht es für mich weiter nach Nördlingen. 😝 Nach 423 Kilometern stehe ich hier im Gewerbegebiet halb vier am Morgen vor dem verdutzt schauenden Tankstellenmitarbeiter. Er erwartet wohl zum Samstag um diese Zeit keine Kundschaft. Ich bekomme dennoch einen Kaffee und ein paar süße Tankstellendelikatessen. Gegen vier Uhr ist die Nacht am kältesten. Am liebsten hätte ich mir also noch einen Kaffe bestellt – und das sicherlich des tollen Aromas wegen. Aber ich motiviere mich mit dem Gedanken, dass es in Ulm schon einen gescheiten Bäcker geben wird. Noch 80 Kilometer bis dahin. Der Himmel bekommt eine bläuliche Note und die ersten Autos überholen mich. Der neue Tag beginnt. In Ulm komme ich an die Donau. Diesmal aber nur ganz kurz. Nach drei Stunden trennen sich unsere Wege bereits wieder und ich nehme Kurs auf den Bodensee. Die Passage zwischen Donau und dem Bodensee empfinde ich mental als ziemlich anstrengend. Radfahrer mag man hier nur, wenn sie auf dem Fußweg fahren. Kurz vor Stockach bleibe ich in Mindersdorf in der Gewitterfront hängen, die sich schnell und bedrohlich aus Südwesten nähert. In einem kleinen Bushäuschen warte ich ab, während mein Schweizer Kollege Leo mir das aktuelle Regenradar schickt und mir Entwarnung gibt. Ich fahre weiter. Nach 640 Kilomern erreiche ich endlich die Landesgrenze und freue mich, wieder als Verkehrsteilnehmer respektiert zu werden. Obwohl, bin ich schon in der Schweiz? Die Grenzmarkierung sehe ich nur auf dem Display meines Garmins. Ich rolle etwas unsicher weiter über den kleinen Wirtschaftsweg. Erst, als im nächsten Dorf in einem Vorgarten ein weißes Kreuz weht, spüre ich Gewissheit. Auf zum Zielsprint.

Auf Schweizer Straßen fährt es sich wesentlich entspannter als in Deutschland. Allerdings empfinde ich das Profil als ziemlich anspruchsvollen Abschluss dieser Tour. Dazu kommen jetzt immer häufiger Krämpfe in meiner Fußsohle. Eine sehr undankbare Stelle dafür. Ständig halte ich an, ziehe meinen Schuh aus und stretche mich am Straßenrand. Nach etwas Stop-and Go auf diesem letzten Streckenabschnitt passiere ich die letzten Hügel vor Pfäffikon und da eröffnet sich auf einmal ein herrlicher Blick auf die Berge – also die richtigen Berge. Ein Teil in mir will sofort dahin. Ein sehr viel größerer Teil will einfach nur noch ins Hotel. Die beiden Teile handeln einen Kompromiss aus und so fahre ich noch kurz am Firmeneingang vorbei, um die Bike2Work-Tour standesgemäß zu beenden, bevor ich die letzten Kilometer ins Hotel rolle. Nach 698 Kilometer gönne ich mir noch ein Kühles aus der Minibar, bevor ich den Tag ausklingen lasse. Zurück geht es dann mit dem Zug. 

Tour

Details

 

Die Strecke führt einmal diagonal durchs Land. Dabei geht es größtenteils über kleinere Straßen und Radwege. Lediglich den Abschnitt nordöstlich des Bodensees bis zur Schweizer Grenze empfand ich als nicht optimal fürs Rennrad, da der Radverkehr hier oft über „Fußwege“ geführt wird, was zu Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmern führen kann 🙂

Die meisten Höhenmeter pro Kilometer absolviert man bereits im Vogtland und Franken im ersten Drittel der Strecke. Danach bleibt es aber hügelig mit ein paar Rampen am Ende.

 

  • Anspruch (Gesamt) 95% 95%
  • Klettern 75% 75%
  • Abwechslung 98% 98%
  • Untergrund 70% 70%
  • Mentaler Anspruch 80% 80%

Über mich

Über mich

Martin Lechtschewski

Randonneur & Blogger

Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilo Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"

Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen -  Es geht vor allem um die Wege dazwischen.

Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einen Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking. Ich finde einen vom österreichischen Langstreckenprofi Christoph Strasser geprägten Begriff viel treffender, da ich weder mit Bengalos im Trikot starte, noch das Verpacken der Ausrüstung in den Vordergrund stelle.

Es geht mir einzig ums  #Weitradlfoan.