Gran Canaria
Alles außer mittelmäßigWarum die Kanaren?
Nachdem uns in den letzten beiden Jahren die spanische Costa Blanca als Winterdomizil zum Rennradfahren diente, wollten wir dieses Jahr etwas anderes ausprobieren. Die Kanaren – und ihre salzigen Schrumpelkartoffeln – kenne ich bereits aus einigen Urlauben in meiner Kindheit. Und auch wenn es manchmal so klingt: Ich wähle meine Destinationen zum Rennradfahren nicht ausschließlich nach der örtlichen Speisekarte aus.
Die Kanarischen Inseln bieten im Winter durchweg hervorragende Bedingungen für Rennradfahrer – mit stabilen Temperaturen von etwa 20–25 °C am Tag. Die Entscheidung für die Kanaren fiel also nicht schwer. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, denn welche Insel es am Ende werden sollte, entschied letztlich nur ein Faktor: der Wind.
Obwohl die Inseln geografisch dicht beieinander liegen, unterscheiden sich ihre Bedingungen deutlich. Dieses Mal habe ich vor allem auf den Wind geschaut – weniger auf die Höhenmeter.
Lanzarote – viel Wind, wenig Schatten
Lanzarote ist relativ flach und bietet kaum Schatten. Allerdings gibt es nichts umsonst: Die Topografie lädt den natürlichen Feind des Radfahrers geradezu ein – den Wind. Wer Wind liebt, wird auf Lanzarote sein Glück finden. Für uns war das eher ein Argument dagegen.
Teneriffa – Profi-Revier mit Vulkan
Auf der größten Insel der Kanaren sind viele Profi-Radfahrer unterwegs. Teneriffa bietet eine sehr gute Infrastruktur für Rennradfahrer und hervorragend ausgebaute Straßen. Flache Abschnitte sind hier seltener als auf Lanzarote, dafür lockt mit dem Teide ein epischer Anstieg auf rund 2.300 Höhenmeter – einer der bekanntesten der Region.
Gran Canaria – Berge als Windschutz
Gran Canaria ist im Hinterland, insbesondere im Süden der Insel, deutlich weniger windig. Natürlich gibt es auch das nicht umsonst: Es ist die spektakuläre Berglandschaft, die den schwitzenden, schnaufenden Radfahrer im Anstieg vor dem Wind abschirmt. Weniger Wind? Wir haben der Insel eine Chance gegeben.
Hinter den Hotelburgen beginnt Gran Canaria
Schon bei unserer Ankunft wurde klar, dass wir uns das Terminal in Las Palmas mit vielen Pauschaltouristen teilen, die auf dem Weg in eine der unzähligen Hotelfestungen an der Küste sind – vorzugsweise nach Maspalomas. Auch ich verbinde mit diesem Ort einige Kindheitserinnerungen.
Für unseren Aufenthalt suchten wir im Vorfeld eine gute Basis für eine Rennrad-Woche auf Gran Canaria. Gar nicht so einfach, wenn man kein Hotel möchte und es etwas ruhiger bevorzugt. Schließlich fanden wir ein sehr nettes Appartement bei einem privaten Vermieter, das all diese Voraussetzungen erfüllte – allerdings etwas abseits der Küste, nahe des kleinen Dorfs Mogán.
Hier ist deutlich weniger Trubel als in Maspalomas. Der kleine Hafen von Puerto de Mogán bietet viele charmante Cafés und Restaurants – und einen großartigen Spot für den Sonnenuntergang 🙂
Ohne Auto wird es schwierig
Normalerweise versuche ich, im Radurlaub komplett auf ein Auto zu verzichten. Auf Gran Canaria war das jedoch schwierig – insbesondere mit einer Unterkunft im Hinterland und aufgrund der speziellen Geografie der Insel.
Mogán ist von der Küste aus entweder nur über einen Autobahntunnel oder per Fähre erreichbar. Die Küstenstraße ist bis auf Weiteres komplett gesperrt und auch mit dem Fahrrad nicht passierbar.
Von Mogán aus kann man zwar direkt ins Hinterland starten, wird dort aber sofort mit einem zehn Kilometer langen Serpentinenanstieg zum Cruz de San Antonio konfrontiert. Zugegeben: eine schmale Straße, die sich spektakulär durch die Berge schlängelt und immer wieder atemberaubende Blicke ins Tal freigibt – vorausgesetzt, der Anstieg hat einem nicht bereits den Atem geraubt.
„Gran-Canaria-flach“ heißt 5 Prozent Steigung
Der Berg direkt vor der Haustür ist bezeichnend für Gran Canaria. Wirklich flache Passagen sind selten. Entweder geht es hoch oder runter. Gerade auf den kleinen Bergstraßen warten Steigungen, bei denen man über jedes zusätzliche Ritzel auf der Kassette dankbar ist.
Für klassisches Grundlagentraining würde ich die Insel daher eher nicht empfehlen. 100 Kilometer lassen sich kaum unter 2.000 Höhenmetern planen. 3.000 bis 4.000 Höhenmeter auf einer Tour sind absolut realistisch – zumindest auf dem Papier. Sauerstoffzelte für die anschließende Regeneration habe ich allerdings keine gesehen.
Unsere Touren blieben meist unter 100 Kilometern. Ausgedehnte Café-Stopps und Restaurantpausen waren fester Bestandteil des Tagesprogramms. Davon gibt es reichlich – viele Lokale sind auf Radfahrer eingestellt. Schrumpelkartoffeln vs. Energy Gel? No Brainer! 🙂
Eigenes Rennrad oder vor Ort mieten?
Da wir „nur“ eine Woche auf der Insel waren, entschieden wir uns für Mieträder. Gran Canaria bietet mehrere Anbieter mit einer großen Auswahl an Modellen und Ausstattungsvarianten.
Wir haben bei Free Motion gemietet, da sie über Stores auf der gesamten Insel verfügen und man im Fall eines Problems unterwegs Support vom nächstgelegenen Standort erhält. Mit den Rädern waren wir sehr zufrieden.
Ein großer Vorteil der Leihräder: Beide waren mit einer 34–32-Übersetzung ausgestattet – absolut notwendig. Für manche Anstiege im Hinterland hätte ich mir sogar eine 1:1-Übersetzung gewünscht. Die 34-mm-Reifen empfand ich als sehr komfortabel, insbesondere auf den kleineren Straßen mit teilweise rauem Asphalt.
Das hat mich auch dazu gebracht, meine eigenen Setups zu Hause noch einmal kritisch zu hinterfragen.
Preislich lagen die Mieträder für eine Woche etwas über den Kosten für den Radtransport im Flugzeug, waren aber deutlich weniger aufwendig. Ich habe lediglich meine Favero-Powermeter-Pedale, den Radcomputer sowie das Radar inklusive Halterungen mitgebracht – und konnte direkt losfahren.
Bei einem Aufenthalt von mehr als zehn Tagen hätte ich vermutlich über das eigene Rad nachgedacht.
Die Strecken – rau, ruhig, eindrucksvoll
Die wirklich schöne Seite Gran Canarias zeigt sich vor allem im Hinterland. Wir haben ausschließlich den trockenen Süden der Insel erkundet. Je weiter man sich von der Küste entfernt, desto geringer wird der Verkehr. Generell hält sich dieser ohnehin in Grenzen – die meisten Autos sind Mietwagen mit vorsichtigen und entspannten Touristen. Wir haben uns jederzeit sicher gefühlt.
Als klassischer „Schuss in den Ofen“ erwies sich der Plan, einmal die vermeintlich idyllische Küstenstraße zu fahren. Besonders der Abschnitt zwischen Maspalomas und Puerto Rico war kräftezehrend: Wind, Verkehr, rauer Asphalt und der Blick auf endlose Hotelburgen mit Namen wie „Corona Royal“ 🙂
Da nehmen wir lieber die Höhenmeter in Kauf und erkunden die eindrucksvolle Inselmitte. Allerdings lassen sich dort kaum Strecken unter 2.000 Höhenmetern auf 50 Kilometern planen.
Gran Canaria ist anspruchsvolles Terrain und klar auf Bergfahrer ausgelegt. Der höchste Punkt der Insel ist der Pico de las Nieves mit rund 1.800 Metern Höhe. Da viele Anstiege fast auf Meereshöhe beginnen, sammelt man Höhenmeter, wie man sie selbst in den Alpen erst einmal finden muss.
Auch die Temperaturen unterscheiden sich deutlich: Während unten am Meer angenehme 22 °C herrschen, hatte ich oben am Pico de las Nieves gerade einmal 8 °C. Das ist noch verschmerzbar – in der Woche zuvor hatte es dort sogar geschneit.
Fazit
Ob ich noch einmal nach Gran Canaria zum Rennradfahren reisen würde? Vielleicht – wenn ich mir in kurzer Zeit sehr viele Höhenmeter geben möchte.
Als Paarurlaub? Eher nicht. Dafür gibt es sicher schönere Destinationen mit Küsten, die weniger von Hotelburgen gesäumt sind und Landschaftsprofilen, die auch mal ein Dahinrollen ohne Kraft zulassen.
Unsere Routen
Über mich

Martin Lechtschewski
Randonneur & Blogger
Hi, ich bin Martin und das Radfahren ist eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben. Die Faszination für Abenteuer hat mich zunächst zum Radreisen gebracht. Damals rollte ich noch behäbig über Tage bis Wochen mit 40 Kilo Gepäck über die Straßen Europas. Dabei war es immer diese eine Frage, die mich antrieb, weiter in die Pedale zu treten: "Wie ist es wohl auf den Sattel zu steigen und aus eigener Kraft eine anfangs scheinbar unwirkliche Entfernung zu überwinden, hohe Berge zu bezwingen, fremde Länder zu durchqueren und verschiedensten Menschen zu begegnen?"
Heute kann ich sagen, es ist vor allem eine Begegnung mit sich selbst. Der Moment des Starts und das Erreichen des Zieles spielen am Ende nur Nebenrollen - Es geht vor allem um die Wege dazwischen.
Da es der Alttag nicht ohne weiteres zulässt, 5-6 Wochen am Stück auf dem Rad zu verbringen, landete ich schließlich beim Renndradfahren auf langen Strecken mit möglichst wenig Gepäck. Statt einen Monat bin ich dabei nur ein paar Stunden (bisher nicht mehr als 86) unterwegs und tauche schon mit der ersten Pedalumdrehung ins Abenteuer ein. Heute sagt man dazu Ultracycling, vielleicht auch Bikepacking.
Mir geht es um DIE WEGE DAZWISCHEN